Foto: Alexandra Kinga Fekete

Foto: Alexandra Kinga Fekete

Nach langem Herumgeistern in der Szene, ohne Webauftritt und Social-Gedöns, machten Trümmer vor zwei Jahren mit der Veröffentlichung ihrer ersten LP ganz ordentlich von sich reden: „Wo ist die Euphorie?“ lautete die große Frage, die sie in den Raum warfen und nicht zuletzt auch an dessen Wand schrieben – zumindest in der zur Band-Basis umfunktionierten Wohnung von Paul Pötsch, Sänger und Songwriter der Gruppe, wie man in der BR-Dokureihe über Trümmer zu sehen bekam. Nicht zuletzt die Tatsache, dass er sich zu Gelegenheiten wie diesen gegen die in Hamburg so präsente Gentrifizierung als selbst betroffener stark machte, beeinflusste die Außenwirkung der damals drei-, heute vierköpfigen Band. Zwischen Liebe und Politisierung im Urbanen fanden sie auf ihrem selbstbetitelten Album damals die richtigen Worte und formten daraus so manches zauberhafte Indie-Stück.

Liest man sich nun durch die Tracklist des am kommenden Freitag erscheinenden Nachfolgers „Interzone“, wird die Erweiterung der trümmer’schen Großstadtlyrik auf das Nachtleben recht schnell deutlich: Von Trunkenheit und Dandytum, „Gin Tonic & Wodka Soda“, ja sogar vom „Europa Mega Monster Rave“ ist die Rede. Und nicht nur in der Betitelung seiner neuen Stücke hat Pötsch einen Narren an Catchphrases gefressen! In seinen Lyrics hat sich einiges getan, so jongliert er sich beispielsweise im erwähnten „Europa Mega Monster Rave” durch die Sprachen und lädt unmissverständlich zum kontinentweiten Fest der Liebe ein:

„Europa feiert ’ne Party, jeder ist eingeladen. Und das Codewort lautet: Nie wieder Hasstiraden! L’amour toujours, L.O.V.E.!“

Trümmer – Europa Mega Monster Rave

Auch musikalisch weiß der Track durch neue Einflüsse zu bestechen: Ihren Liebes-Rave zelebrieren Trümmer mit drückenden, genreuntypisch verzerrten Riffs in den tieferen Tonlagen.

Was in diesem Text noch griffig daherkommt, nimmt an manch anderer Stelle jedoch auch unvorteilhaft Überhand: Das eröffnende „Wir explodieren“ holt Trümmer-Fans aus Debützeiten im Sound zwar gut ab, macht sich aber auch Zeilen zu eigen, die leider bereits seit SchülerVZ-Zeiten so abgegriffen sind wie die D-Markstücke im Phrasenschwein: „Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten“. Und wenn sich Pötsch in „Dandys im Nebel“ dann noch dazu hinreißen lässt, zu behaupten, den „Swag im Blut“ zu haben, kann man das leider nicht ganz schambefreit aufnehmen.

Ein bisschen zu weit in Richtung T-Shirt-Parole gedacht kommen die Texte auf „Interzone“ also daher – an mancher Stelle klappt das allerdings auch ganz hervorragend, so beispielsweise in „Neoncity“:

„Lass‘ mich dein Shuttle sein ans andere Ende der Nacht!“

Trümmer – Neoncity

Und dann macht sie auch wirklich Spaß, die neue Platte der Band aus der Stadt, deren Musikszene ja seit jeher für T-Shirt-taugliche Lyrics bekannt ist. InterzoneZu Tocotronic werden Trümmer mit „Interzone“ zwar nicht, aber das wollen sie auch gar nicht sein. Das Album ist, ganz klischeehaft, das schwierige zweite. Dennoch stellt es eine wichtige Weiterentwicklung in der Karriere des Quartetts dar, das mit einem sehr variablen und doch über die Albumlänge zusammengehörigen Soundbild zu überzeugen weiß. Zwischen Gitarrenmusik und einer neu entdeckten Vorliebe für Synthesizer heben sie ihren eigenen Stil auf ein neues Level. Lässt man sich nun noch darauf ein, des Kosmos von Pötschs Texten als eine Art Konzeptalbum zu betrachten, haben Trümmer mit „Interzone“ gut abgeliefert.

Mit politischer Haltung untermauern sie diese derweil noch immer: Vom 26. bis 29. April eröffnen sie, passend zum Nachtleben in ihren Texten, die „Interzone Bar“ in der Hamburger Grindelallee und schreiben dazu: Wo das Korsett der Stadtpolitik und Investoreninteressen den Clubs Sterbehilfe leistet, poppt die Interzone Bar auf als Mahnmal des Kontrollverlusts. Als Erinnerung daran, dass wir uns verlieren müssen, um uns selbst zu finden.“

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