Turbostaat 15 Jahre Koeln Konzert Header

Turbostaat: Live in Köln

Die aktuelle Flüchtlingslage in Deutschland im Einzelnen und Europa im Ganzen beschäftigt derzeit viele Künstler, vor allem im Punk-Bereich kann man das beobachten. Hier macht auch Turbostaat keine Ausnahme, die sich dem Thema auf ihrem neuen Album „Abalonia” annehmen. Diese Thematik wirkte im Kreativprozess so stark, dass sie sich von den Aufbauten ihrer vergangenen fünf Alben verabschiedeten; einzelne Kurzgeschichten und all das, was Turbostaat-Songs in in der Vergangenheit ausmachten, schienen nicht mehr ausreichend, um das, was Songschreiber und Gitarrist Marten in diesen Zeiten bewegt, auszudrücken.

Turbostaat - Abalonia

Aus diesem Grund arbeitete die Band ein Konzeptalbum aus, das in ihren Grundfesten auf die Texte und deren Kontext zueinander aufbaut. Behandelt wird die Flucht zweier Menschen vor Zivilisation und Krieg und anhand des Gesamtkontexts wird bald klar, dass die derzeitige politische Situation das ist, was die Band hier abstrahiert thematisiert. Sie heißt Semona, der Name ihres Begleiters, den sie auf der Flucht kennenlernt, bleibt hingegen unbekannt. Der anvisierte Ort ist das fiktive Abalonia.

Die Reise: Alles ist besser, als der Tod

Das Album und somit auch die Geschichte beginnen mit „Ruperts Gruen”, in der beide Charaktere eingeführt werden. Typisch für den Post-Punk ist die Atmosphäre, die durch die Instrumentalisierung aufgebaut wird und ein mehr als bedrückendes und stellenweise chaotisches Bild zeichnet. Das Zusammenspiel aus Text und Atmosphäre ist das, was den Hörer sofort einfängt. Zeit zum Innehalten bleibt allerdings nicht, denn die Geschichte geht natürlich weiter.

Denn alles ist besser als der Tod
Alles ist besser
Denn alles ist besser als der Tod
Alles, wirklich alles

Turbostaat – Ruperts Gruen

Über den weiten Teil von „Abalonia” bleiben sich Turbostaat lyrisch treu und halten ihre Texte kryptisch und codiert. Zwischendurch verlassen sie diese Gefilde dennoch und werden recht klar in ihrem Ausdruck. „Der Wels”, ein sehr rhythmisches und ein Stück weit eingängiger Song, richtet sich zum Beispiel direkt gegen Pegida und führt die Dresdner Semperoper auf: „Im Dunkeln liegt die Oper / Die Stadt doch viel zu nett / Für die hässlichsten Gedanken in euch”.

Der Mittelteil des Albums ist von etwas ruhigeren, jedoch nicht weniger kraftvollen Songs geprägt. Während das, bereits im Vorfeld veröffentlichte, „Wolter” sich zwei Minuten Zeit lässt, um die Einsamkeit und Verzweiflung des Textes musikalisch einzuleiten, gestaltet sich „Eisenmann” erdrückend und depressiv, der Resignation nah.

Insbesondere „Eisenmann” hinterlässt tiefe Eindrücke, man muss zunächst einmal durchatmen, bevor man sich den nächsten Kapiteln der Geschichte zuwenden kann. „Totmannknopf” hilft hierbei: Treibend und energiegeladen ruft Sänger Jan „Ihr seid nicht, ihr seid nicht allein!” heraus – ein Slogan, den der Hörer in seiner jetzigen Gefühlslage braucht, bevor es ans Finale geht.

Die Reise der beiden Flüchtenden wird nun immer beschwerlicher. Auf dem Weg nach Abalonia wird es in „Geistschwein” kalt, Schnee macht die Reise schwieriger, die Furcht wird größer, aber es geht weiter „in eine kältere Welt”. Atmosphärisch wird es einmal mehr in „Die Toten” und die bedrückende Stimmung erreicht ein noch höheres Niveau. Die Geschichte endet dann mit dem Titelsong „Abalonia” noch vor besagtem Ziel. Erst hier erfährt man den Namen der Protagonistin und ob sie ihr Ziel erreichen werden, wird offen gelassen. Es bleibt also Platz für eigene Interpretationen.

Wir sind zwar eure Brut
Aber regen uns nicht mehr
Sprecht uns bitte nie mehr an
Wir sind die Toten für euch!

Turbostaat – Die Toten

Der Staat meistert das Konzeptalbum

Durch die Abkehr von der Erzählung einzelner Kurzgeschichten hin zu einer übergreifenden Story ist „Abalonia” das atmosphärischste Album, das der Staat in ihrer bisherigen Bandgeschichte geschaffen haben. Hervorragend ist der Spannungsaufbau gelungen, wie auch die Platzierung der beiden Klimaxe mit „Eisenmann” und „Die Toten”.

Klanglich halten sich Turbostaat in weiten Teilen an den Sound, den sie bereits im Vorgänger „Stadt der Angst” etablierten, der sich jedoch durch einen allgemein wärmeren Klang und ein dezentes Plattenrauschen, das unter alle Songs gelegt wurde, zu differenzieren weiß. Der Eindruck der Erzählung einer übergreifenden Geschichte wird zudem durch die Übergänge der einzelnen Songs ineinander toll übermittelt, sodass jener Eindruck auch hierdurch weiter verstärkt wird.

Nachdem Turbostaat nun mit „Abalonia” den schwierigen Kraftakt eines Konzeptalbums erfolgreich bewerkstelligt haben, kommt nun natürlich die Frage auf, was nach nun sechs Alben als nächstes kommen soll. Ich für meinen Teil lasse mir die Beantwortung zunächst allerdings offen, denn „Abalonia” ist einfach zu gut, zu gelungen, um Gedanken an solche Fragen zu verschwenden.

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