Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Ich muss zugeben: In meinem bisherigen Leben schaffte ich es noch nie ins beschauliche Kiel. Nun gut, ist ja auch keine Weltmotropole, man mag es mir verzeihen. Dachten sich wohl auch Turbostaat: „In Kiel spielen? Da kommt doch eh niemand“ witzelte Gitarrist Rollo in einer Zwischenansprache. Trotzdem haben sie die Hansestadt für den aktuellen Flügel ihrer „Auf dem Weg nach Abalonia“-Tour berücksichtigt.

Dabei blieb es aber noch lange nicht! Mit dabei hatten sie nämlich auch die Emo-Punks von LIRR. aus dem nur unweit entfernten Flensburg. Beide Bands an einem Abend auf einer Bühne? Das ist ja wie Weihnachten und Ostern an einem Tag! Dafür fährt man dann eben auch gerne mal nach Kiel in die Pumpe!

LIRR.: 30 Minuten Vollgas

Zweifelsohne gehören die vier Flensburger zu den meistbeachtetsten Newcomer-Gruppen der Szene. Im vergangenen Jahr haben sie ihre Debüt-EP „Ritual“ veröffentlicht, seitdem spielen sie sich praktisch die Finger wund. In der Pumpe bewiesen sie einmal mehr, das unfassbar viel in ihnen steckt.

Mittlerweile habe ich die Gruppe zum dritten Mal live gesehen (hier im Blog könnt ihr auch einen Konzertbericht aus Cuxhaven zusammen mit Surf Dads nachlesen). Eines haben alle Auftritte gemeinsam: Die Setlist. Vier Songs erstrecken sich über knapp 30 Minuten. „Das wird doch irgendwann langweilig“ mögen einige vielleicht unkend daher rufen. Meine Antwort: „Unsinn, ihr Banausen“!

Die Kraft, die LIRR. in ihre Songs legen, ist unbeschreiblich und wirkt bei jedem Mal aufs Neue. Die Setlist ist perfekt einstudiert, die Übergänge vergehen beinahe unbemerkt und sie spielten sich wieder alles aus dem Leib raus. Dabei imponiert nicht nur die ungewöhnliche Konstellation mit drei Gitarristen und ohne Bassisten (gerade das gibt den Songs auch ihre ungefilterte Energie).

Das Quartett spielt einen kalten und sehr melodischen Sound, der einfach mitreißt und den man so schnell nicht mehr vergisst! So langsam dürften sich ihre Qualitäten rumsprechend und wer dem ein und demselben Set jedes Mal noch eine Schippe drauflegt, verdient jegliche Form der Beachtung!

Turbostaat: Eine großes Gruppenerlebnis

Das war also schon einmal eine intensive halbe Stunde, die optimal auf Turbostaat vorbereiteten. Dann legten sie los und die Crowd war sofort dabei, wie eh und je. „Ruperts Gruen“ und „Der Zeuge“ bildeten den Anfang, nach „Haubentaucherwelpen“ kam „Prima Wetter“. Das erste Stakkato gerade so überlebt, aber das war ja erst der Anfang!

Zwischendurch wieder Ansprachen von Rollo, der sich inzwischen in seiner Rolle an Anekdoten- und Quatscherzähler-Onkel eingefunden hat. Es sind die Sekunden vor und nach dem Sturm. „Insel“ und „Eisenmann“ bildeten gewohnte Zwischenhöhepunkte, zwischendurch gab es auch Songs zu hören, die sie erst seit neuerem wieder live spielen. Mit jedem Song eskalierte die Menge ein bisschen mehr. Der Ballwechsel zwischen Gruppe und Crowd nahm seinen fröhlichen Lauf.

Die vorderen Reihen der Crowd bestehen mal wieder aus Stammgästen. Man mag nicht jeden persönlich kennen, aber die Gesichter sind Gewohnte. Eine gewisse Heimeligkeit bringen sie schon mit sich, diese Konzerte vom Staat. Klar, dass diese Beziehung zwischen den beiden Parteien, die eigentlich eine große und gewachsene Gemeinsame ist, eine solche ist, die es nur bei ganz wenigen Bands gibt. Dass ich mit zwischen 20 bis 30 erlebten Konzerten eher im Mittelfeld des „Turbostaat-Highscores“ rangiere, sagt eine Menge aus.

Kiel-exklusiver Höhepunkt des Konzertes: Nach der Zugabe spielten sie eine weitere, während derer sie „Drei Ecken – ein Elvers“ und „18:09 Uhr. Mit, verlaufen“ vom ersten Album „Flamingo“ spielten. Das passte insofern, als dass sie jenes Album in Kiel, um die Ecke von der Pumpe aufnahmen. Ein gelungener Abschluss eines großartigen Konzertes zweier unglaublich guter Gruppen, der den Abstecher nach Kiel zu jeder Sekunde wert war.

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