Foto: Robert Winter

Foto: Robert Winter

In bester Hip-Hop-Tradition: Veedel Kaztro und Beatschrauber seines Vertrauens Mels betiteln ihr neues Album „Fenster zur Straße” und geben so dem Deutschrap-Klassiker „Fenster zum Hof” aus dem Hause Stieber eine Hommage. Nach der „Fussball EP”, die wir hier für euch besprachen, ist die LP bereits der zweite Veedel Kaztro-Release in diesem Jahr – und nachdem im letzten Jahr ebenfalls mit dem Büdchen Tape 2 und der Büdchen LP zwei Veröffentlichungen des Kölner MCs erschienen, kann man wohl mit Fug und Recht behaupten: Veedel gehört zu den fleißigsten Rappern hierzulande und bringt bei seinem Label Melting Pot Music einen wirklich beachtlichen Output heraus. Dass dabei keine großangelegten Konzeptalben entstehen, sollte klar sein, doch Herr Kaztro hat seinen Swagger definitiv gefunden und lieferte bis dato auch nie etwas ab, das wie ein Schnellschuss geklungen hätte.

MPM_196_V+M_Cover_front_2600_RGBFür die ersten vier Tunes tritt Mels zunächst noch in den Hintergrund und überlässt Costa Kwanta a.k.a. Veedel Kaztro höchstselbst die Produktion von Tracks wie „Bitchmoves”, das auf smoothem Instrumental die Geschichte eines Rappers erzählt, der statt Veedel auf einem Track auch dessen Freundin im Bett featuren wollte – klarer Bitchmove! Auch auf „In der Stadt” weiß Veedel sein Talent am Sampler wie auch am Textblatt zu beweisen:

„Und du sehnst dich nach den Armen eines Mädchens, wenn die Wirkung kippt, doch siehst aus wie ein Haufen Scheiße – glaub‘ mir Homes, so wird das nix.”

Die ersten Parts der neuen Platte stehen also klar im Zeichen des Storytellings. Dabei bezieht er sich nicht nur auf eigene Erfahrungen wie in „RTBAM”, sondern wechselt auch die Rolle und berichtet in „U-Bahnfahrer” von ebenjenem, denn der „kann nirgends lange bleiben, er kann immer nur vorbeifahren”. Veedel hingegen bleibt noch ein bisschen und stellt mal klar, was er macht, nämlich ganz sicher „Keine Radiomusik” und unterstreicht das mit tourettehaftem Gefluche in der Hook nochmal ganz deutlich. In diesem Track hält er zudem Rapper-Bashing und folgende, traumhafte Zeile bereit: „Ich wache auf, die Lunge pfeift, als hätt‘ sie eine schöne Frau gesehen!”

Ein harter Bruch erwartet uns allerdings mit dem Intro der B-Seite, in dem er sich im Spoken Word-Stil auf einem kühlen Pianobeat von Mels einmal ernster als sonst von ihm gewohnt äußert:

„Scheiß‘ auf Feindbilder! Mach’s dir nicht so einfach, Alter, informier‘ dich, halt‘ dich fit. Schieß‘ dich nicht immer nur ab, dir darf nicht alles scheißegal sein, glaub‘ nicht, dass alles sinnlos ist.”

Im Kontext des sonst so gagfreudigen Veedel wirkt das zunächst befremdlich und man ist sich nicht sofort sicher, wie ernst er seine Ansagen wirklich meint. Doch irgendwie passt das schon wieder ganz gut in den Kaztro-Kosmos: Wenn schon Ansage, dann aber auch alles euf einmal und völlig over the top! Da musste wohl einiges raus.

Tatsächlich fällt aber auch in den restlichen Songs von „Fenster zur Straße” auf, dass die sonst so präsente Ironie in seinem Schaffen etwas gewichen ist und er ohne doppelten Boden von den Vorkommnissen in seinem Leben und seiner Stadt berichtet – und die ist manchmal einfach zu „Laut”, weshalb er in diesem Track die wichtige Frage „Weißt du, wie die Welt klingt ohne den Krach?” stellt und kluge Sätze wie diese rappt:

Du stehst im Stau, genervte Menschen wollen nach Haus. Werbesprecher schreien durch’s Radio: ,Lauf raus und kauf‘ dir ein Auto!’”

Mit seinem ruhigen Boom Bap-Instrumental ist auch das nachdenkliche „Der Tag” ein Highlight auf dem ersten Koop-Album von Veedel Kaztro und Mels. Mit einer Ode an ihre weiteren Weggefährten und die Protagonisten der Hip-Hop-Stadt Köln führen sie dieses zu Ende und werden der Aussage „Veedel Kaztro singt Arbeiterlieder”, die an anderer Stelle bereits fiel, gerecht: Der Refrain von „Nicht allein” bedient sich in variierter Form dem Bots-Klassiker „Was wollen wir trinken”.

Wieder mal präsentiert der Typ, der wohl immer noch am Büdchen hängt, ganze 14 Stücke Qualitätsmaterial. Anders als auf der „Fussball EP” bleiben Trap-Flow und stumpfe Spaßtracks auf der Strecke und so ergibt sich ein synergetischeres Soundbild, das „Fenster zur Straße” zu einem Album macht, das sich gut am Stück hören lässt, aber bei näherem Betrachten auch immer wieder sehr spannende Versatzstücke und kluge Gedanken bereithält, die sich gar nicht beim ersten Durchlauf aufschnappen lassen. Erneut ein sehr rundes Ding aus dem Hause Kaztro, in dem sicher bereits an neuen Tracks gefeilt wird.

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