Machen wir uns nichts vor: Es gibt einfachere Aufgaben, als das Vorprogramm für eines der größten Singer-Songwriter-Duos der letzten Jahre zu bestreiten – mit einem Isaac Gracie hat dann aber doch keiner gerechnet. Der 21-jährige Liedermacher aus einem Vorort von London, traf als Support des Geschwisterpaares Angus & Julia Stone erstmals auf die großen Bühnen Europas. In Hamburg konnte ich mir vergangenen Sonntag erstmals selbst ein Bild des interessanten Newcomers machen.

Ich entdeckte Gracie vor zwei Jahren auf Beats 1 für mich. „Last Words“ hieß das damalige Stück, dessen spärliche und sehr brüchige Produktion über den digitalen Radiosender von Apple Music lief und mich nach nur einer Session direkt umgeworfen hat. So schnell er sich in meine Ohrmuschel eingenistet hatte, so flix war Gracie auch schon wieder verschwunden – bis jetzt. Zwar gibt‘s noch immer kein richtiges Album, dafür mehrere EP‘s und öffentliche Auftritte – dem Signing bei Universal sei Dank.

Bis an die Grenzen der Stimme

Hamburg lernte bei seinem Auftritt in der Alsterdorfer Sporthalle einen wahrhaftigen Gentleman kennen: Von unten bis oben in blumigen Kleidern eingedeckt, bedankte sich der Sohn der Poetin Judith Gracie freundlich beim Publikum und warnte es ebenso vor. Es sei schließlich die letzte Show auf europäischen Festland, da könne man auch mal die Stimme überstraparzieren. Und wie er das tat.

Zwischen „All In My Mind“ und „Silhouettes Of You“ holte der Mann mit der Kurt Cobain Gedächtnismähne wirklich alles aus seinen Bändern heraus, spielte sich mit Titeln wie „Terrified“ die Angst von der Seele runter, und zitierte aus Momenten seines Leben, welche er vor gar nicht langer Zeit noch in seinem Schlafzimmer zu ersten Songs und Demotapes verwandelte.

Zeichen stehen auf eine große Zukunft

Nach gerade mal sechs Titeln und einem amüsanten Shoutout an sein Bühnengetränk (Flensburger Pilsener!) beendeten Gracie und dessen Begleitband das kurzweilige Sonntagskonzert. „Last Words“ gehörte leider nicht dazu, enttäuscht war ich trotzdem nicht. Trotz Support-Slot: Es verbleibt ein starker, noch roher Eindruck einer Stimmgewalt, dessen fragile Kompositionen ihr eines Tages einen ganz eigenen Platz in der Popmusik sichern kann. Muss wohl in der Familie liegen.