Tocotronic im Interview (1)

Links: Jan Müller, 2.v.r.: Rick McPhail
Foto: Michael Petersohn / Universal Music

Ich übertreibe nicht, und scheue mich ebenso wenig vor triefendem Fangirl-ism, wenn ich sage: Am 11. Dezember des jüngst vergangenen Jahres durfte ich mir ein Träumchen erfüllen. Wir unterradarigen Musikblogger leisten ja unseren Dienst an der guten Sache in der Regel doch eher vor dem Rechner, hören Platten und versuchen, sie für eine kleine Allgemeinheit in Worte zu fassen. Gar nicht so unähnlich meinem vierzehnjährigen Ich, am elterlichen Windows XP auf der Suche nach dem nächsten, heißen Indie-Ding. Die Band aber, die damals nicht bloß kam und ging (vgl. Hund am Strand, Sternbuschweg und andere Mittelmäßigkeiten), sondern mich seither stets faszinierte, überraschte, überzeugte, hieß Tocotronic.

An besagtem Dezembermontag hatte ich nun die große Ehre, diese große Band, genauer gesagt Rick McPhail (Gitarre) und Gründungsmitglied Jan Müller (Bass) in McPhails Eimsbütteler Studioräumlichkeiten zu Gespräch und Cola zu treffen. Diese Herrschaften einmal abseits von Regallautsprechern und Konzertbühnen kennenlernen zu dürfen, ist ein dicker Haken in meiner imaginären To-Do-Liste des Lebens. Aber genug des Geschwafels, ich gehe schon zurück an Maus & Tastatur, wo ich hingehöre, und lasse mein Interview zum am Freitag erscheinenden Album „Die Unendlichkeit“ von hier an für sich sprechen.

Im Zuge der Recherche bin ich auf diese zwei Kassetten gestoßen, die du, Jan, gemeinsam mit Arne 1987 und 1989 kompiliert und veröffentlicht hast. Wart ihr damals so bunte Hunde in der Hamburger Punkszene?

Jan Müller: Weniger in der Punkszene, eher in der Fanzine-Szene. Arne und ich kennen uns ja seit der Schule, seit wir zwölf, dreizehn waren. Da haben wir auch angefangen uns für Underground-Musik zu interessieren. Wir waren aber nicht die Typen, die in dem Alter schon so viel ausgegangen sind, wir waren eher am Schreibtisch aktiv. Damals gab es ja so Netzwerke – wie heute mit Blogs und sozialen Medien – mit Fanzines und Kleinstvertrieben, und in dem Zuge haben wir eben mit fremden Bands Tape-Sampler wie „Unser kleiner Despot“ gemacht. Das andere, „Hunde tot machen“, ist eher so Quatsch, wo wir im Wohnzimmer humoristisch geprägte Musik aufgenommen haben.

Da stehen aber auch mehrere Interpreten auf der Tracklist?

Jan: Das war alles von uns, die Bands sind alle frei erfunden. Nur Meine Eltern gab es wirklich, da hatten wir auch ein paar Auftritte.

1993 folgte dann ja die Zusammenkunft von euch beiden mit Dirk von Lowtzow, der dieses in „1993“ als sehr wichtiges Lebensereignis besingt. Hat sich das für euch damals auch so angefühlt, oder war Tocotronic bloß die nächste Band, in der ihr spieltet?

Jan: Auf jeden Fall hat sich das so angefühlt! Arne und ich waren dann noch einige Jahre in dieser Szene aber irgendwann, noch bevor wir Dirk kennenlernten, hatte sich das für uns etwas totgelaufen, weil da wenig Neues passierte. Das war irgendwann sehr durch Dogmen und Scheuklappen bestimmt und für uns auch musikalisch nicht mehr so interessant.

Arne und ich begannen dann, die Indie-Labels, auf die man vorher eher skeptisch geguckt hatte – L’Age D’Or und What’s So Funny About – zu verfolgen. Die erste Band, die da unser Interesse geweckt hat, war Huah! aus Hamburg, die auch Schnittmengen zur Punkszene hatten. Aber natürlich auch Die Goldenen Zitronen, Die Regierung, Mutter aus Berlin oder die Lassie Singers.

Just zu diesem Zeitpunkt lernte ich zufällig an der Universität Dirk kennen. Arne und ich hatten noch einen Proberaum und so begab es sich, dass wir recht schnell diese Band gründeten und auch viel ausgingen. Der Golden Pudel Club hatte recht neu aufgemacht, oder das Karma, was ein wichtiger Ort für uns war, an dem wir auch viel mit Tocotronic gespielt haben. Das war schon eine große Erfüllung vieler Träume, eine glückliche Fügung.

Deckt denn der autobiografische Ansatz der neuen Platte eure Erfahrungen und Gefühle mit ab, oder ist das ein gänzlich auf Dirk fokussiertes Werk?

Rick McPhail: Bei mir schon, ich meine, ich komme auch aus einem kleinen Ort, Maine. Ab dem Alter von zehn Jahren wurde ich zum New Wave-Popper, der Art Fag in der Schule. Da habe ich genau das Gleiche erlebt wie in „Hey Du“. Da habe ich den Stempel bekommen, die Schwuchtel in der Schule zu sein, den ich auch nicht mehr losbekam. In so einem Ort gibt es nur eine Schule, und du kannst da nicht weg. In Amerika ist es ja eh viel extremer – da gib es die Jocks, natürlich auch die Metalheads, die fanden mich aber auch nicht cool! [lacht] Dann stand ich da halt allein, hatte vielleicht zwei, drei Freunde.

Auch der Song „1993“ – das ist dasselbe Jahr, in dem ich zwar nicht nach Hamburg, aber nach Deutschland kam.

Jan: Es gibt ja auch eine englische Version, die Rick gesungen hat, auf unserer „Schlittenflug“-Bonus-EP. „1993 A.D.“ heißt es da. Die verarbeitet das nochmal aus Ricks Blickwinkel.

Es ist aber schon erstmal Dirks Biografie, auch wenn uns vieles bekannt vorkommt. Das war uns auch wichtig, dass sich Hörerin und Hörer darin widerspiegeln können, sonst wäre es ja eine reine Nabelschau.

Hat dieser Ansatz denn etwas an der Arbeitsweise als Band geändert?

Jan: Es hat auf jeden Fall die Sprache beeinflusst. Mit dem Roten Album haben wir schon die Tür aufgemacht für eine einfachere, weniger abstrakte und von Theorien geprägte Sprache. Als sich irgendwann herausstellte, dass dieses Album die Autobiografie von Dirk wird, war klar, dass die Texte auch ganz einfach sein müssen. Seit dem Roten Album interessiert uns das auch wieder. Wir brauchten aber auch diesen Weg, der bis zum Album „Wie wir leben wollen“ ging, bei dem die Texte immer abstrakter, verschwurbelter wurden. Wobei das auch nicht alle waren, ein Song wie „Ich will für dich nüchtern bleiben“ ist ja auch ganz einfach…

Man kann die neuen Texte gut an der Wirklichkeit abgleichen. Hier musste man sehr genau arbeiten, damit das glaubwürdig ist.

Das Album lässt sich wohl als das nahbarste eurer Diskografie bezeichnen. In meiner Wahrnehmung wart ihr immer eine Band, die ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit hielt – ändert das etwas daran?

Jan: Ich hoffe nicht! [lacht]

Rick: Ich war schon überrascht, dass Dirk sich für dieses Autobiografische entschieden hat. Ich glaube, jahrelang fand er das ziemlich blöd, ein bisschen verpönt. Aber ich glaube, er stellt sich gern solchen Aufgaben, wie schon auf der letzten Platte mit dem Thema Liebe. Eigentlich ja etwas, was leider in 80% aller Pop- und Rocksongs vorkommt! Das aber als Thema zu nehmen und anders zu bearbeiten, macht es interessant.

Jan: Ich glaube auch, dass es viel um die Herausforderung geht. Wir haben irgendwann gemerkt, dass wir mit diesem theoretischen Background nicht mehr zu interessanten Ergebnissen kommen werden und es auch wenig fordert. Bei dem Roten Album dachte ich schon, oha, das ist aber ’ne Aufgabe. Die Arbeit an den Texten wurde dann viel intensiver. Auch ich war überrascht über diesen radikalen Schritt, ins Autobiografische zu gehen. Wir haben dann sehr viel Stücke geschrieben, selbst als es über 20 waren, hat Dirk noch weitergemacht. Viele der wichtigsten Stücke des Albums sind sehr spät entstanden, „Electric Guitar“ zum Beispiel. So viel auszusortieren war eigentlich ungewöhnlich für uns, aber irgendwann wäre es geschwätzig geworden. Ich finde es schön, dass es jetzt kein so großer Entwurf als Doppelalbum oder so ist, sondern zwölf Songs, die die wichtigsten Stationen widerspiegeln.

Es ist ja auch ungewöhnlich für euch, dass „1993“ – ein Song vom Album – die B-Seite der Single „Hey Du“ ist.

Jan: Zwei Stücke sind noch auf der Bonus-EP gelandet, aber wir wollten die Leute dann auch nicht so belästigen! [lacht]

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