Tocotronic im Interview (2)

Die EP ist Teil der großen Box-Version eures Albums. So etwas kommt dann aber eher von Labelseite, oder?

Jan: Nein, das wird schon von uns konzipiert! Dass das sein muss, das sagt schon die Plattenfirma, aber…

Rick: Man hat Spaß dabei!

Jan: Ja, ich finde das toll, dass es nicht bei der Musik aufhört und man so ein schönes Werk schaffen kann!

Ist euch Tocotronic je zu kommerziell geworden? Gerade, wenn man von diesen handgemachten Punk-Samplern kommt…

Jan: Das ist so ein extrem kitschiger Gedanke, dass der Erfolg die Qualität beeinträchtigt, oder dass das so vereinnahmt wird, sobald es weitere Kreise zieht!

Rick: Man macht ja genau solche Sachen, wie diese Kassetten, weil man irgendwann auch dahin will!

Jan: Kommerziell ist für mich etwas anderes. Wenn es im Vordergrund stünde, Geld zu verdienen. Und das ist bei uns nicht so. Klar, wir sind vier Leute, die davon leben, das ist auch schön so. Wir wollen auch gern, dass es so bleibt. Aber ich finde es eh ein Wunder, dass diese Band schon so lange funktioniert, sich so viele Leute dafür interessieren.

Rick: Wir sind ja auch keine Studiomucker und wollen es auch nicht werden. Wir wollen die Musik machen, die wir gut finden. Ich würde, wenn es vorbei ist, lieber Burger verkaufen, als etwas zu machen, was mir nicht gefällt.

Ein weiteres Novum auf „Die Unendlichkeit“: Für die Stücke habt ihr euch konkrete musikalische Vorbilder gesucht, die auch ganz offen kommuniziert wurden…

Jan: Lass‘ mich das kurz korrigieren. Diese Einflüsse haben wir uns nicht im Vorfeld ausgesucht, vieles hat sich eher ergeben. Unser Produzent Moses Schneider hatte eine Idee, auf die wir bizarrerweise gar nicht kamen: Dass man ein biografisches Album auch nach einem zeitlichen Ablauf ordnen muss! Wir sind es bisher gewohnt, die Reihenfolge der Songs zum Schluss zu wählen. Die stand hier nun sehr früh fest, was man auch merkt: Man hat dann mal drei schnelle Stücke hintereinander, die man sonst auf dem Album verteilen würde – damit es nicht so auffällt, dass die ähnlich sind! [lacht]

So brauchten wir dieses Mal für jedes Stück eine eigene Idee. Die Einflüsse kamen dann eher so zu uns, dass dann beispielsweise „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ vielleicht an Hüsker Dü erinnert. Das war nicht am Schreibtisch konzipiert.

Sind das dann Einflüsse, die aus der Zeit stammen, von der das jeweilige Stück handelt?

Jan: Auch das stellten wir relativ spät fest, dass das tatsächlich so ist. Dass dann „Tapfer und grausam“ an die Beatles erinnert. Oder ein Stück wie „Bis uns das Licht vertreibt“, was an Roxy Music erinnern könnte. Das spielt aber ja eher im Jahr 2001 oder 2002, wo Roxy Music keine wirkliche Bedeutung mehr hatte, aber für uns als Band schon. Damals haben wir hier in Hamburg mit Tobias Levin das sogenannte Weiße Album produziert. Da begann uns diese Musik zu interessieren, um aus unserem Indie-Rock-Tunnel rauszukommen.

Das ist ja auch ein Stück, das kaum nach eurem typischen Tocotronic-Sound klingt, mit dem Piano. Oder „Unwiederbringlich“, was gar keine Band-Instrumentierung mehr hat…

Jan: Ja, das kommt vor allem durch die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten. Das Klavier in „Bis uns das Licht vertreibt“ wurde eingespielt von Friedrich Paravicini, der auch das Cello-Arrangement für „Ausgerechnet du hast mich gerettet“ gemacht hat. Das Piano in dem Stück war gar keiner seiner Aufträge, das kam dann eher so zu uns!
Das Arrangement zu „Unwiederbringlich“ ist von Paul Gallister in Absprache mit uns entstanden. Allein aufgrund des Themas sollte das schon eine besondere Stellung auf dem Album haben.

Was kann man zur Produktion des neuen Albums sagen? Zuletzt habt ihr immer viel Wert darauf gelegt, besondere Aufnahmemethoden zu finden, zum Beispiel in der Berlin-Trilogie, wo viel live und mit Raumklang eingespielt wurde…

Rick: Ähnlich, wie die letzte Platte, haben wir das getrennt voneinander aufgenommen. Letztes Mal allerdings in Schichtarbeit im Studio, wie das Bands normalerweise machen, dieses Mal haben wir uns mehr Freiheiten erlaubt, auch mehr Zeit genommen: etwa eineinhalb Jahre haben wir an den Stücken gearbeitet. Vieles haben wir peu à peu bei Moses gemacht, die Gitarren haben wir hier in meinem Studio aufgenommen, der Friedrich hat alles bei sich zu Hause gemacht…

Jan: Wir haben auch so chronologisch, wie das Album geordnet ist, die Songs aufgenommen und auch chronologisch gemischt. Das hat sich schon besonders angefühlt – ich bin sonst kein esoterischer Typ, aber da passiert irgendwas!

Rick: Man konnte mitverfolgen, wie die Songs gewachsen sind, von Instrument zu Instrument.

Du nimmst ja hier auch andere Bands auf. Zur Tour nehmt ihr Ilgen-Nur mit. Was denkt ihr über die nachwachsende, hiesige Musikszene?

Rick: Viele von den Bands, die ich gut finde, brauche ich gar nicht aufzunehmen – die können das heutzutage alle selber, mit GarageBand. Letztens habe ich hier Swutscher aufgenommen, die haben selbst gemerkt, wir können uns genau so gut besaufen und in unserem Wohnwagen aufnehmen. Die brauchen mich nicht!

Jan: Ich finde es auch schwierig zu sagen, was ist jetzt interessant – mich persönlich interessiert meist eher das Abseitige, wo ich jetzt nicht sagen kann: Die werden total durchstarten! Von Ilgen-Nur habe ich ein Konzert gesehen und fand es einfach toll, nicht nur die Musik, sondern auch die Haltung und das Charisma.

Wärt ihr jetzt nochmal in der Lage, so eine Kassette wie damals zu kompilieren, mit neuen Untergrund-Bands?

Rick: Also zu viert kriegen wir das vielleicht mal hin!

Jan: Wir haben ja tatsächlich gerade so eine Compilation gemacht, „Coming Home“, das geht doch in die Richtung und macht uns auch viel Spaß.

Ich bedanke mich recht herzlich für das Interview!


[asa]B07792Z115[/asa]