Fotos: KAOZ Pix

Etwas eigenartig war es ja schon, als ich am Abend des 26. Mai das Uebel & Gefährlich in Hamburg betreten habe. Kaum durch den Einlass geschlichen, kamen mir links und rechts junge Menschen mit schwarzen Mundhauben entgegen. Der reflexive Blick zur Bühne offenbarte eine Lichtinstallation, dessen Struktur an Boxringseile erinnert. Aus den Speakern schallte es wahlweise Metalcore und Trap-Rap, selbst die Shirts am Merch-Stand schienen beides zu wollen. Einen Klapps auf dem Kopf später, sollte es mir aber wieder einfallen: Wir sind auf dem langersehnten Gig des britischen Hardcore-Rappers scarlxrd gelandet.

Einst besser bekannt unter seinem YouTube-Namen Mazzi Maz, veröffentlichte der 23-jährige erst kürzlich sein zweites Studioalbum „DXXM“ unter dem Pseudonym scarlxrd. Seine Musikvideos, in denen er aktuelle Trap-Rap-Trends mit Dubstep-Elementen und brutalen Hardcore-Einschüben verbindet, schmücken sich längst mit sechsstelligen Klickzahlen, die Single „Heart Attack“ zählt alleine knapp 30 Millionen Views. Dabei haben hierzulande nur die Wenigsten von ihm gehört. Die Deutschland-Tour sollte das jetzt ändern.

Zwischen Swiss und Nietzsche: Zombiez

Bevor sich scarlxrd in sein erstes Hamburg-Konzert überhaupt stürzte, wurde erstmal Platz für eine Horror Show gemacht: Pünktlich zur Prime Time stellten die Rapper Tamas, G-Ko, MaXXi.P und KVSV ihr neues Projekt Zombiez vor. Geahnt haben das jedoch die Wenigsten: Verhüllt in Zombiemasken, trugen die Horror-Rapper erste Auszüge aus ihrem Freitag erschienenen Debüt „Gott ist tot“ vor. Sie lieferten Remiszenzen zwischen Swiss‘ „Missglückte Welt“ und Nietzsche, wussten aber auch über ihrem Zombie-Gimmick hinaus zu überzeugen. Die Bühnenerfahrung war den Jungs anzumerken, Titel wie „Cloud Z“, „Harakiri“ oder „Ruf die 110“ zündeten direkt. Alles in allem, ein solides Support-Set von Zombie Whytte, Zombie Red, Zombie Black und Zombie Gr€¥.

Ab in den Siedepunkt mit scarlxrd

Wer schon einmal bei einer Hardcore-Rap-Show war, wird die außergewöhnlichen DJ-Sets der Tour-DJ’s kennen: Hier trifft sich alles zwischen System Of A Down und Lil’ Peep, nicht selten werden vor der eigentlichen Show Moshpits überlebt und Gesangschöre gesungen. scarlxrd gelang es diese außergewöhnliche Mischung in sein eigenes Set hineinzutragen, brachte mit „BXILING PXINT“ buchstäblich beim ersten Song des Sets den Club im Hamburger Flakturm zum Kochen. Wo nimmt der Mann nur diese Energie her?

Die Stimme macht den Unterschied

Musste scarlxrd noch zu Beginn des Abends das Publikum zum ein oder anderen Moshpit animieren, waren weitere Album-Highlights wie das aggressive „CHXKE“ oder die Vorab-Single „we waste time FADED“ bereits zum Selbstläufer geworden. scarlxrd schien keine Sekunde ruhig zu stehen, bewegte sich nahezu durchgängig von einem Bühnenende bis ans Nächste.

Vergleiche mit Genre-Kollegen wie Tekashi69 sind zwar auch live nicht von der Hand zu weisen, allerdings wird auch dem Laien sehr schnell klar, dass scarlxrd – auch dank seiner bisherigen Banderfahrung – dem jungen US-Rapper vor allem stimmlich um einiges überlegen ist. Gerade hier liegt die große Chance für den Briten verborgen, sich über kurz oder lang von seiner Konkurrenz abzusetzen.

Es ist fantastisch mit anzusehen, wie vor allem in den vergangenen Monaten die Hardcore-Rap-Szene immer stärkere Präsenz zeigt. Auch in Hamburg. scarlxrd, der nun sein bisheriges Werk und seine aktuelle Platte „DXXM“ auch endlich mal dem deutschen Publikum vorgespielt hat, wird die Szene langfristig nicht nur musikalisch beeinflussen können: Sein Auge für Farben, Ästhetik und visuelle Showeffekte, machte sich während seines Auftritts zu jeder Sekunde bemerkbar.

Die Stimme des ehemaligen Metal-Frontmanns geben den Stücken zusätzlich gerade jene Energie, welche andere Hardcore-Rapper vermissen lassen und durch aufgeblasene Produktionen versuchen zu kaschieren. Wer es schafft, sollte also unbedingt eine Clubshow des UK-Rappers besuchen – und die Szene damit weiter unterstützen.