Als es eines Abends aus dem Hochbunker am Heiligengeistfeld waldgrün schimmerte, war nicht etwa die geplante Begrünung des denkmalgeschützten Bauwerks vorgezogen worden. Tatsächlich hat sich mit Alcest jene französische Band in Hamburg eingefunden, welche Elemente aus Black Metal und Shoegaze miteinander verbindet. Mühelos, zeitlos und einzigartig – und das schon seit 17 Jahren. Noch wenige Stunden zuvor, setzte das Uebel & Gefährlich die letzten Karten an der Abendkasse ab und vermeldete den Ausverkauf. An der Band aus Bagnols-sur-Cèze lag es jedoch nicht allein: Anathema aus Großbritannien sollten als Hauptband den Abend beenden. Eine großartige Kombination.

Volle Hütte trotz Dauerregen

Als ich mich am 1. November gegen 20 Uhr im Schanzenviertel eingefunden hatte, robbte sich die Warteschlange zum Eingang bereits bis zur Hauptstraße. Der Himmel spendierte Dauerregen, dessen Tropfen ein paar aufgeregte, genervte, doch auch verwunderte Gesichter erreichte: Alcest waren, ungewöhnlicherweise, als Support-Act angereist. Eine große Ehre für die experimentelle Alternative-Band Anathema, ein noch viel größerer Spaß fürs Publikum and me, welches sich quer durch alle Altersgruppen und einer ordentlichen Handvoll Subkulturen zog. Experimentelle, aber melodische Musik, die sich nicht ans Radio anbiedert, kann so etwas eben auch.

Mit faszinierender Gelassenheit

Alcest betraten pünktlich gegen halb neun die Bühne des Clubs aus der vierten Etage. Bereits von der ersten Minute an, strahlte Sänger und Gitarrist Neige eine nahezu meditative Ruhe aus. Stilsicher im Shirt der 80er-Jahre Dream-Pop Band Lush, begann der Bandleader in faszinierender Gelassenheit das Set mit einem atmosphärischen Intro („Onyx“), welches von „Kodama“ gefolgt wurde – dem Titelstück der aktuellen Platte. Es sollte keine große Überraschung sein, dass die meisten Stücke des siebenteiligen Sets sich aus dieser Platte speisten.

Der Preis der vordersten Reihen

Zwischen „Là où naissent les couleurs nouvelles“ und „Oiseaux de proie“ begann ich meine Platzwahl, wenige Meter vor der Bühne, allerdings doch etwas zu bereuen. Der freundliche Konzertbesucher vor mir hatte seit gefühlten 70 Wochen sein Hemd nicht mehr gewechselt und auf weitere Kleidung drunter verzichtet. Nicht ganz das „Eau de Concert“, das mir auf ruhigeren Gigs wie diesem zusagt, aber ich kann ihm das auch nicht verübeln: Eine gesunde Work-Concert-Balance bringt eben auch ihre Opfer mitsich.

Keine Note ohne Blickkontakt

Zurück zum Geschehen: Während ich meiner Nase gut zuredete, suchte Neige intensiv den Blickkontakt mit dem Publikum, ohne sich dabei von seinem zeitweisen Arpeggio-Spiel auch nur eine Sekunde ablenken zu lassen. Eine Beziehung, die dem Künstler wichtig ist: So war mit „Délivrance“ lediglich ein einziger Titel aus dem Vorgänger-Album „Shelter“ vertreten – der umstrittensten Platte ihrer zehnjährigen Plattendiskografie. Das große Epos sollte, so wie viele andere Alcest-Sets der vergangenen Jahre auch, dem Auftritt den finalen Höhepunkt bescheren.

Throwback zum Wacken Open Air 2016

Als sich um Punkt 21:29 Uhr Alcest von der Bühne verabschiedeten, streiften meine Erinnerungen nochmal an den großen Auftritt auf dem Wacken Open Air 2016 vorbei. Ein Set, dass zwar entschieden anders war, doch ebenso wunderschön. Das ganze gibt’s in voller Länge auf YouTube zusehen. Über den Auftritt von Anathema werde ich aus Solidarität zu den Kollegen von monkeypress.de allerdings kein Wort verlieren. Die Gründe dazu, könnt ihr hier nachlesen.

Die letzte Alcest-LP „Kodama“ ist am 30. September 2016 via Prophecy Productions erschienen.