Weezer, Stadtpark Open Air 2019 Hamburg

Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Ich bin zwar nicht Michael Buffer und habe bisher auch noch keinen Boxring betreten, eine kleine Ansage ist dieses kalifornische Aufgebot auf dem „Stadtpark Open Air“ in Hamburg trotzdem wert: In der einen Ecke stehen Weezer. Die Headliner-Band, gegründet im Los Angeles der frühen 90er-Jahre, mit inzwischen satten 13 Studioalben auf den Rippen der vier Mitglieder. In der anderen Ecke: Liily. Vier Teenager aus der heutigen Alternative-Szene von Los Angeles, im Gepäck lediglich ein EP-Release. Früh hört man an den Wettschaltern schon Gemunkel: Weezer sollen ihre Kante verloren und sich endgültig an das Radio verkauft haben. Liily hingegen seien der neue „heiße Scheiß“, würden derzeit mit ihrer EP „I Can Fool Anybody In This Town“ sämtliche Clubs abreissen. Die Fussball-Fans unter euch wissen aber natürlich: „Wichtig ist, was auf dem Platz passiert!“

Spaß beiseite, das Konzert ist weder Competition, noch soll die Vorherrschaft um die Musikszene Los Angeles’ entschieden werden. Sowohl Liily, als auch Weezer haben im März 2019 neue Projekte veröffentlicht, diese wollen nun auch einem Hamburger Publikum vorgestellt werden. Weezer veröffentlichten mit „Pacific Daydream“ (2017) und dem „Black“-Album (2019) kürzlich ihre bislang poppigsten Platten. Trotz genre-schmeichelnden Titeln wie „Beach Boys“ oder „Mexican Fender“, musste selbst der treueste Weezer-Fan inzwischen die Vertrauensfrage stellen. Besonders bizzar: Ausgerechnet „Teal“ (Januar 2019), einem Cover-Album, das u.a. Titel von Black Sabbath, TLC und Michael Jackson enthält, wurde bislang die merkbar Medienaufmerksamkeit zu Teil. Man könnte behaupten, die US-Band habe nach dem überraschenden Erfolg ihres „Africa“-Covers von Toto (es sollte Weezers erfolgreichste Single-Veröffentlichung der letzten zehn Jahre werden) wieder Lust auf Chartluft bekommen.

Liily: Beifall beim Ü30-Club

Und dann ging plötzlich die Sonne auf: Um 19 Uhr betraten Liily die Bühne im Stadtpark um größtenteils die Stücke aus ihrer EP „I Can Fool Anybody In This Town“ vorzustellen. Die Routine war der US-Band anzumerken, Liily gleiteten von einem Stück zum Nächsten, als würden sie seit 20 Jahren nichts anderes machen. Gar nicht mal so einfach vor einem Publikum, in welchem ein Großteil den Ü30-Club schon von innen gesehen hat. Ein „Kampf“, auch gegen die verbesserten Rahmenbedingungen beim Stadtpark Open Air.

Das Stadtpark Open Air hat in dieser Saison das Rahmenangebot ausgeweitet, erstmals finden damit auch außergewöhnliche Food-Trucks Platz auf dem Gelände. Vorbands dürfen damit also häufig in kauende Münder schauen. Im Falle von Liily verwandelten sich diese gegen Ende in staunende Gesichter: Zum großen Finale zückte die junge Band mit „Toro“ ihren bislang größten Hit, ließ das Stück in einen instrumentalen Car-Crash versinken, um es dann wieder auf die Spur zu bringen. Der inzwischen gutgefüllte Stadt Park dankte mit tosendem Applaus.

Weezer: Greatest Hits und viele Deep-Cuts

Kommen wir zu Weezer. Ich habe noch keine Band erlebt, die sich weigert, auf ihrer Tour ihr aktuelles Album zu promoten – bis Dienstag. Weezer spielten ein kompaktes „Greatest Hits“-Set, legten auf rund 83 Minuten Spielzeit ganze 21 Titel. Angefangen mit „Buddy Holly“, arbeiteten sich Rivers (mit lässigem Anglerhut) und Co. durch Klassiker wie „Island In The Sun“, „Say It Ain’t So“ und „Beverly Hills“, rissen dabei auch viele Deep-Cuts der ersten und zweite Stunde aus dem Schlaf („In The Garage“, „Holiday“, „El Scorcho“ uvm.). Die Band, welche erst kürzlich kompromisslose Popmusik auf ihre letzten Studioalben bannte und den Umgang mit Fankritik zu einem lyrischen Fundament ihres Werks gemacht hat (siehe bspw. auf „Pork and Beans“, „Can’t Knock The Hustle“ oder „Back To The Shack“), zeigte sich auf ihrem Tourstopp in Hamburg bewusst von ihrer Schokoladenseite. Überraschungen gab es trotzdem.

Neue Songs wurden verbannt

Aus den letzten sieben Studioalben hat sich auf der Setlist beim Stadtpark Open Air nichts wiedergefunden – auch nicht vom „Black“-Album, das erst im März 2019 veröffentlicht wurde. Warte, Korrektur: Vier Stücke aus dem Cover-Album „Teal“ waren dann doch dabei. Da braucht es weder Nostradamus, noch eine allwissende Kugel in einem verdunkelten Zelt auf dem Hamburger Dom um zu begreifen, dass Titel wie „Take On Me“ oder „Africa“ mehr Stimmung erzeugen, als es jeder Track des „Black“-Albums getan hätte. Als großer Fan des 2016er „White“-Albums habe ich zwar einiges an diesem Abend vermisst, der Stimmung im vorderen Bereich tat dies aber keinen Abbruch (für den hinteren Bereich kann ich nicht sprechen, jedoch deuteten Klatscheinlagen Rivers’ an, dass dort auch hätte etwas mehr gehen können – geschenkt).

Fazit: Ein schön-streitbarer Abend

Insgesamt überzeugten Weezer mit Klassiker auf Klassiker, mal von ihnen, mal von Green Day (sogar „Longview“ wurde kurz eingestreut). Es lässt sich darüber streiten, inwieweit es sinnvoll erscheint, für eine Band über 50 Euro Eintritt zu zahlen, um dann mit einer Handvoll Coverversionen auf einer Gesamtlänge von ca. 83 Minuten begrüßt zu werden. Eine schöne, aber äußerst teure Karaokeparty.

In Hinblick auf den Fokus der Show und der Tatsache, dass man eine solche Setlist in Zukunft wohl tendenziell eher nicht mehr geboten bekommt, war das Ganze für mich – als Weezer-Fan – tatsächlich zu verschmerzen. Das Publikum wurde mitgenommen, durfte zwischenzeitlich Passagen auch einfach selbst singen (große Momente bei „Island In The Sun“ sind hier hervorzuheben). Letztenendes: Ein schönes, aber merkwürdiges Konzert.

Fotogalerie: Weezer

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