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Was wären die deutsche Hip-Hop-Kultur und ihre unterschiedliche Facetten nur ohne all die Beat-Produzenten, die den Rappern die Grundlage für ihre Tracks schaffen? Lange waren bestimmte Strömungen von einem bestimmten Soundbild geprägt – so gab es zur Zeit des letzten Deutschrap-Booms stets die Realkeeper, Backpacker und wie sich das alles so nannte, die dem althergebrachten Boom Bap fröhnten, daneben aber eben auch den damals recht neu aufkommenden Straßenrap, dessen Vertreter sich nicht selten möglichst epochale Synthie-Bretter für ihre Songs schnappten. Heute aber ist bekanntlich alles möglich: Haftbefehl lässt sich im 90s-Style remixen – jetzt übrigens auch auf Vinyl bei vinyl-digital.com! -, Quasi-Urgestein Denyo ist progressiv wie nie und Psaiko Dino führt auf seinem Produzenten-Album die verschiedenen Stile der bunten Rapwelt zusammen.

Wo wir gerade schon bei Vinyl Digital waren – dort erscheint dieser Tage die 12″-EP „Glück unter Palmen” von Wilczynski, einem bis dato noch nicht zu flächendeckender Bekanntheit gelangten Beat-Leidenschaftler. 11261087_10205535107869826_215550921_nEr schlägt zunächst in eine Kerbe, wie man sie heute wieder vermehrt in der Szene wahrnimmt: Instrumentals auf Sample-Basis, wie sie in der Anfangszeit des Hip Hop grundsätzlich gemacht wurden.

Legt man aber „Glück unter Palmen” erstmal auf den Plattenteller, stellt sich schnell das Gefühl ein, dass es sich hier um mehr als nur altbekannte Beatbasteleien handelt. Mit mobilem Mikro ausgestattet trat Wilczynski einen Ausflug nach Valencia an und die dort festgehaltenen Audioschnipsel arrangierte er für seine EP in die Tracks mit ein, um dieses Stück Vinyl zu einem musikalischen Zeitdokument werden zu lassen. Auch die verwendeten Samples entstammen den LPs, die er in jenem Urlaub aus den Kisten von Valencias Plattenläden gediggt hat.

Die Scheibe fällt mir zum denkbar passendsten Zeitpunkt in die Hände: Draußen herrschen geradewegs penetrante Temperaturen und auch in der Musik geht es nicht gerade kühl zu. „Zeit zu Zweit” nennt sich das Intro und führt uns langsam aber sicher in die Welt von Wilczynski und seinem Reiseziel ein: Gesamplete Versatzstücke von warmen Bläsersounds, trockene Drums und allerlei Klingklang geben den Weg Richtung Spanien frei. Das minimalistische „Túria” und eine wunderbar jazzige Orgel auf „Suerte” ziehen den geneigten Hörer dann endgültig mit nach Valencia! Der von Wilczynski angestrebte Plan geht gut auf: Die wohlausgewählten Sounds in seinem gekonnten Arrangement lassen definitiv von der spanischen Strandmetropole träumen.

Das aufregendste Instrumental der Scheibe findet sich aber auf der B-Seite: „El Cabanyal” fügt sich aus einem neu zusammengewürfelten Gitarrenthema, Gesprächsfetzen und satten Drums zu einem artworks-000115605089-ttrsqj-t500x500vergleichweise melancholischeren Tune zusammen und bringt auch etwas Spannung ins Urlaubsfeeling, das Wilczynski mit seiner EP aufbaut. Rapper würden den Beat dann wohl deep nennen – Rapper braucht Wilczynskis Musik aber keineswegs, er beweist mit „Glück unter Palmen”, wie gut instrumentale Songs mit Hip-Hop-Verwurzelung auch alleinstehend funktionieren können! Bei einer Reisegeschwindigkeit von 45 RPM haben mir die geschmackvollen Songkonstrukte einen schönen Trip nach Valencia im Kopf ermöglicht. Skills an MPC und co. hat Wilczynski definitiv, sein gutes Händchen bei der Samplesuche ist in jedem Stück zu erkennen und so darf man gespannt bleiben, was er in Zukunft noch für uns parat hält!

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