Bjoern Sonnenberg

Sie sind schon ein Phänomen, diese Locas in Love. Da veröffentlichen sie Anfang des Jahres mit dem Doppelalbum „Use your Illusion 3 & 4” meine liebste Platte 2015, nachdem es drei Jahre lang größtenteils ruhig um die Kölner Gruppe war, und nun, im vergangenen Monat, schieben sie direkt ein weiteres Album namens „Kalender” hinterher. In meiner Rezension zur ersten 2015er Veröffentlichung habe ich anfangs den Werdegang des Quartetts kurz heruntergebrochen – etwas Vorwissen kann vor der Lektüre des nun folgenden Interviews nämlich nicht schaden, habe ich doch mit Björn Sonnenberg-Schrank, dem Kopf der Band, am letzten Freitag im Backstage des Kleinen Donners Hamburg ein etwas tiefergehenderes Gespräch über die Anfänge von Locas in Love, ihre Konzepte und Herangehensweisen und nicht zuletzt ihre Einflüsse und Verbündeten gesprochen. Ich freue mich sehr, euch dieses Interview nun hier in voller Länge präsentieren zu dürfen!


Bereits als euer Album „Lemming” rauskam, habt ihr sehr kurz danach „Nein!” veröffentlicht, was aber eher eine Weiterverwertung von Lemming-Material war. Wie ist das bei der neuen Platte „Kalender”, die ebenfalls sehr kurz nach der letzten erscheint?
Teils, teils. Zu dem Zeitpunkt, als „Use your Illusion” endlich erschien, war sie für uns schon relativ alt. Erstens hatten wir wahnsinnig lange daran gearbeitet, zweitens, nachdem sie dann im Herbst 2014 fertig war, dauerte es nochmal relativ lang, bis sie erschien, weil die Mühlen der Musikindustrie – gerade bei Majorlabels – sehr langsam mahlen. Wir haben in der Zwischenzeit natürlich weiter Musik gemacht, so dass dann auf einmal wieder eine Platte fertig war. Zum Teil waren das wie bei „Lemming” und „Nein!” Stücke, die im selben Zeitraum entstanden waren, dennoch ist „Kalender” keine Outtake-Platte. Manche dieser Lieder sind stärker als manche auf „Use your Illusion”, aber hätten im Rahmen der Erzählung keinen Sinn gemacht – „35 Tausend Millionen” zum Beispiel, das erinnert eher daran, wie Locas in Love 2005 oder 2006 klangen, dieses Indie-Folk-Noise-mäßige, das hätte auf „Use your Illusion” nicht richtig gepasst und wie ein Fremdkörper gewirkt. Es ist aber ein schönes Stück, das uns sehr am Herzen lag, für das es mit „Kalender” einen Rahmen gibt, der eben keine Resteverwertung ist. Es gibt sogar noch mehr Material aus dieser Phase, das hatte ja seinerzeit schon pathologische Ausmaße, wie wir gearbeitet haben, so dass eigentlich noch ein weiteres halbes Album fallen gelassen wurde!
Obwohl wir sehr glücklich über das sind, was die „Use your Illusion”-Platte letztlich geworden ist, hatten wir auch immer das Gefühl, dass sie nicht das geworden ist, was wir ursprünglich wollten, dass sie wird. Deshalb hatten wir vielleicht auch das Bedürfnis, „Kalender” so schnell zu veröffentlichen, sozusagen noch einen Anhang nachzuschieben, um die Geschichte wirklich zu Ende zu schreiben. Gleichzeitig sind auf „Kalender” auch neue Stücke, denen man das, denke ich, auch anhört, dass sie bereits aus der nächsten Phase stammen. „Kalender” steht quasi mit einem Bein in unserer Vergangenheit, im bekannten Locas in Love-Sound, verweist aber auch schon auf etwas, das ein zukünftiger Entwurf für das sein könnte, was wir möglicherweise machen werden.

Gerade das, was du über die „Use Your Illusion” erzählst, klingt ja schon recht konzeptuell und oft merkt man den Songs das auch an. Das Prinzip des Konzeptalbums habt ihr ja mit „Winter” bereits vor einer Weile ausgelebt. Sind eure beiden diesjährigen Veröffentlichungen für euch auch Konzeptalben?
Relativ häufig entsteht so etwas wie ein Konzept erst im Rückblick. Wenn man Musik macht, sind das meistens erstmal lauter kleine Songs, die dann im Laufe der Zeit oder sogar erst im Nachhinein ein größeres Ganzes ergeben, dem man anmerkt: Aha, hier sind lauter Zusammenhänge und da scheinen mich bzw. uns schon ähnliche Dinge beschäftigt zu haben! Bei der Winter-Platte war es so, dass wir uns Zeit lassen wollten, den Nachfolger des für uns überraschenderweise ziemlich erfolgreichen Albums „Saurus” zu beginnen, denn wir fühlten uns etwas unter Druck, hatten den Eindruck, dass Leute abwarten, was wir als nächstes machen. Deswegen wollten wir völlig damit brechen, um mit „Winter” eine Zäsur zu schaffen und dadurch Zeit und Raum gewinnen, uns etwas Neues auszudenken. Das war aber das einzige Album, das wir wirklich mit einem Konzept angegangen sind, wo erst diese Dogma-mäßige Idee der thematischen, zeitlichen und produktionstechnischen Beschränkung da war und dann die Songs geschrieben wurden. Das Konzept von „Kalender” war die Darreichungsform der Veröffentlichung, die Kombination von der Platte mit einem Wandkalender, was sich aber auf die Musik selbst weniger ausgewirkt hat.

Auf dem letzten Konzert, das ihr hier in Hamburg gegeben hat, sagtest du kurz vor Ende: „Vielen Dank, dass ihr unserer seltsamen Musik zugehört habt”. Warum würdest du Locas in Love als seltsam bezeichnen?
Moe Tucker, die Schlagzeugerin von Velvet Underground, hat diese Geschichte erzählt, wie sie, als die erste Platte ihrer Band erschien, jeden Tag vorm Radio und saß und gewartet hat, dass jetzt endlich mal Velvet Underground läuft. Weil das in ihren Ohren nicht avantgardistische Noise-Rock-Dekonstruktionen waren, sondern geile Pop-Songs, die im Radio laufen und Hits hätten werden können! Ich denke, die allermeisten Musiker – egal wie sperrig oder egal wie mainstreamig – nehmen ihre Band so wahr, also dass die Musik toll ist und dass das theoretisch Welthits werden könnten. Dann kommt aber meistens die Wirklichkeit und stört diese Fantasie. So eben auch bei uns – im Laufe der Zeit haben wir einsehen müssen, dass die Musik, die sich für uns völlig natürlich und sinnvoll anfühlt, für die meisten eher seltsam, sperrig und nicht leicht konsumierbar erscheint. Die Gründe dafür sind uns selbst nicht ganz klar, weil wir die Musik klasse finden, aber unsere Wahrnehmung und die, die die Welt hat, haben eben offenbar nicht sehr viel miteinander zu tun. Deshalb ist mir im Laufe der Zeit bewusst geworden, dass unsere Musik sehr seltsam ist und oft auch seltsame Leute anspricht, was für mich aber überhaupt kein negativer Begriff. Und wenn ich so etwas auf der Bühne sage, dann ist das gar keine Koketterie, sondern ich empfinde aufrichtig eine große Freude, wenn Leute kommen und unsere Musik scheinbar ähnlich hören und wahrnehmen wie wir.

Ich habe dir ein paar Tonträger mitgebracht, anhand derer sich vielleicht ein Gespräch entwickeln ließe! Das erste ist „Es ist egal, aber” von Tocotronic, aus dem du den Song „Dieses Jahr” im Essay zu „Kalender” erwähnst. Sind Tocotronic und andere Bands, die damals deutschsprachige Musik geprägt haben, für euch ein Einfluss?
Ja, definitiv. Es wäre albern, das von sich zu weisen. Seit Tocotronic in mein Leben gekommen sind, sind sie auch konstant eine meiner Lieblingsbands gewesen. Es gibt Phasen, die ich stärker und andere, die ich schwächer finde – 1das finde ich aber gerade toll, weil es ein Zeichen dafür ist, dass das eine Band ist, die nie auf der Stelle tritt und sich unaufhörlich entwickelt. Das ist etwas, was eigentlich nahezu alle Bands, die ich mag, verbindet. Selbst die Ramones, die ja schon sehr limitiert waren und früh ihren Signature Sound gefunden hatten, haben trotzdem immer wieder probiert, Dinge anders zu machen, Platten anders zu produzieren.
Tocotronic sind auch deshalb so ein großer Einfluss für mich, weil ich sie in einem Moment entdeckt habe, in dem ich wahnsinnig empfänglich für das war, was sie vertraten und wie sie das umsetzten. Für mich war das zeitversetzt die Lektion, die für viele in den Achtzigern die erste Generation Punk gewesen ist – aber als ich Mitte der Neunziger ein junger Teenager war, war Punk ja längst passé und arriviert. Es ist aber wichtig, diese Lektion immer zu wiederholen und für neue Generationen neu zu beleben, nämlich: Du musst kein Virtuose sein, du musst überhaupt nichts sein – alles, was du brauchst, ist eine Idee und dann setze sie um, mit den Mitteln, die dir eben so zur Verfügung stehen. Das bedeutete Tocotronic für mich – denn es ist nicht schwer, diese Musik zu machen, aber man muss, platt gesagt, erstmal drauf kommen! Ähnlich wie irgendwelche Heinis beim Betrachten von moderner Kunst sagen, ,mein Vierjähriger Neffe könnte das genau so machen’ – ja, er könnte möglicherweise, aber er hat nicht; er kam nun mal nicht auf die Idee, jemand anders kam darauf! Tocotronic haben hier für mich, für uns und für viele andere wichtige Pionierarbeit geleistet, als Ideengeber. In der Tat ist diese Platte eine, die ich ein, zwei Mal pro Jahr wieder heraushole und mir komplett anhöre. Es ist die erste von zweien, die sie in den französischen Black Box Studios mit Peter Deimel aufgenommen haben und die ich mit für ihre besten halte. Mit Peter im Blackbox haben wir später auch gearbeitet, das war für mich immer eine schöne gefühlte Verbindung.

Mit der EP „Wenn du dich traust dieses Zimmer zu verlassen?” von Cattelan ist dies hier auch Musik, die wie ihr oder Tocotronic sehr speziell mit der deutschen Sprache umgeht und bei euch in den Bear Cave Studios aufgenommen wurde. Sucht ihr euch die Bands, die bei euch aufnehmen, aus, oder seid ihr da reine Dienstleister?
Reine Dienstleister sicher nicht, wenn wir bei Bands das Gefühl haben, keine Idee dazu zu haben, empfehlen wir ihnen andere Studios, aber wir ziehen auch nicht herum und wählen aus, wer in den Palast darf und wer nicht, das Studio ist schon auch als etwas Offenes gedacht. Bei Cattelan war es so, dass eine andere, mittlerweile inaktive Band aus Düsseldorf namens Charles Robotnik bei uns aufgenommen hat, woraus sich eine Freundschaft entwickelte und Patrick, der Sänger, hat bereits einige Videos für uns gemacht. Jedenfalls waren die Robos und Cattelan alte Freunde und so tauchten die bei uns im Studio auf. 2Wir sind seit einiger Zeit dabei, mit ihnen ein tolles Album zu produzieren, das hoffentlich nächstes Frühjahr fertig wird. Bei Cattelan fand ich so interessant, dass sie von nichts beeinflusst zu sein scheinen. Sie haben einen sehr eigenen Sound, auch aufgrund ihrer Besetzung, und eine wirklich eigene Sprache, was beides selten ist. Bei vielen Bands – ob das nun wir sind oder Ja, Panik oder Die Türen beispielsweise – kann man ja schnell Einflüsse erkennen, weil diese auch sehr bewusst in den eigenen Sound eingewoben werden. Hier ein bisschen Bob Dylan, da etwas John Cale und dort Tocotronic… Natürlich will ich das alles überhaupt nicht kleinreden als bloße Zusammensetzung aus Dingen, die es schon gibt, im Gegenteil. Cattelan arbeiten aber etwas anders und ihre Eigenständigkeit ergibt sich nicht daraus, wie sie mit ihren Einflüssen spielen, sondern aus dem Nichtvorhandensein von Einflüssen. Klar gibt es einige Dinge, an die sie mich erinnern, aber wenn ich sie frage ,Ihr hört doch bestimmt gerne die frühen Fehlfarben’, dann kennen sie das nur so vom Hörensagen.

Bei „Das Herz war Nihilismus” von den Türen geht es mir gar nicht unbedingt um die Band und das Album selbst, aber es ist die erste Veröffentlichung auf Staatsakt – das Label, mit dem ihr ja bereits in der Vergangenheit und auch jetzt für „Kalender” zusammengearbeitet habt. „Use your Illusion” kam ja noch bei Warner Music raus. Ist ein Indie wie Staatsakt dann doch die bessere Labelheimat für euch?
Staatsakt ist das beste Label, auf dem wir je waren. Ein Major kann natürlich Dinge, die ein Indie-Label nicht kann – Vorschüsse zahlen, damit man ins Studio gehen oder ein Video drehen, oder überhaupt Leute bezahlen kann, die sonst auf Gefallensbasis für einen Dinge tun. Auf einem Indie-Label muss man immer etwas mehr improvisieren, was aber ja okay ist. 3Bei Staatsakt ist es nicht so, dass es ein unübersichtliches Geflecht an Leuten gibt und ständig die Ansprechpartner wechseln, sondern es gibt diesen einen Typen, der Musik liebt, der Ideen liebt, der ein großes Herz hat und einfach ein toller Künstler ist und deshalb Künstler versteht. Wenn es darum geht, etwas Interessantes zu machen, gibt es meiner Meinung nach momentan kein besseres Label, um das umzusetzen. Ich finde super, dass Maurice mit Staatsakt jetzt bereits einige schöne Erfolge hatte und Platten, die sich gut verkauften – ob das Bonaparte ist oder auch Ja, Panik, die mit den letzten beiden Platten glaube ich auch sehr gut funktioniert haben. Er hat aber den Wagemut, auch immer wieder Sachen zu machen, die kein Surefire-Hit sind und wo ihm das Risiko egal ist, das sie vielleicht nur fünfzig Leute interessieren werden. Nicht immer, aber oft wird dieser Mut, der keinem Kalkül, sondern ausschließlich der eigenen Überzeugung folgt, aber auch belohnt. Und dieses Vorgehen ist eben cool und exakt wie Majors nicht arbeiten, also statt sich mehr Bands wie Bonaparte zu suchen, macht er dann eine Platte mit Lambert, diesem maskierten Pianisten, oder dem Singer-Songwriter Zwanie Johnson. Er ist stilistisch überhaupt nicht festgelegt und orientiert sich nicht maßgeblich am Erfolg, sondern daran, wie er die Musik und die Leute dahinter findet. Das ist eine tolle Einstellung, um ein Label zu betreiben, die perfekter nicht zu unserer Band passen könnte.

Wo wir nun wieder den Bogen zu eurer Musik geschlagen haben, habe ich natürlich auch etwas von Locas in Love mitgebracht, die erste 10″-EP „A Robot can make a hole in the ground”. Wenn du dir das so anschaust: Was hat sich seit diesem ersten Release von heute aus betrachtet bei euch verändert?
Ich glaube, dass wir sowohl den Menschen als auch der Band, die wir damals waren, noch immer verblüffend nahe sind. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht entwickelt hätten und auch nicht als Peter Pan-mäßiges Festhalten an einem bestimmten Punkt in unserer Biografie. Aber wie wir damals Musik gemacht haben… Wir wussten gar nicht so richtig, wie das geht, wir waren gerade erst aus der Schule raus und frisch nach Köln gezogen und haben halt einfach mit dem Acht-Spur-Kassettenrecorder Sachen aufgenommen. 4Da sind auch Fehler drauf, wo wir uns aber dachten, ist doch egal wenn das einen Halbton verschoben ist, das Gefühl stimmt. In gewisser Weise sind wir noch immer so – wir können mittlerweile ein bisschen besser spielen, aber Fehler zuzulassen und als produktives Element zu begreifen, nicht als etwas, das eliminiert werden muss, ist etwas, das wir uns noch immer beibehalten haben bzw. über den Irrweg falsch verstandener Perfektion wieder für uns entdeckten. Einige Sachen würden wir jetzt vielleicht nicht mehr machen – auf dieser EP ist ein spanischer Song drauf, weil Stefanie gerade angefangen hatte, spanisch zu studieren und wir das einen guten Gag fanden, diese Geschichte über den verschollenen Ramone auf Spanisch. Aber diese Selbstdarstellung hier auf dem Etikett, diese drei Freunde, die sich an den Händen halten, hat so etwas Naives, aber auch – obwohl ich das Wort nicht gerne benutze – Authentisches, etwas Reines. Ich denke, dass wir diese Typen noch immer sind. Mit gewissen Zweifeln und Ängsten, aber auch so einer Begeisterung, so einem Irrsinn, einer Bereitschaft, sich ständig in irgendeinen Quatsch reinzustürzen… Wie ein Lemming.

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Nachdem an diesem Punkt der wichtigste Teil unseres Gesprächs und auch die Zeit eigentlich an ihrem Ende angelangt waren, blieb dann doch noch kurz Zeit, mit Björn die zwei Backup-Platten, die ich dabei hatte, zu besprechen. Wer also interessiert ist, liest in diesem Bonus-Teil des Interviews noch zwei interessante Meinungen des Locas in Love-Frontmanns. Beginnen wir mit „Monarchie und Alltag” von den Fehlfarben:

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Dass das ein epochemachendes Album ist, ist kein Geheimnis, dass es wirklich kanonisch geworden ist. Vom Stellenwert und der Anerkennung entspricht „Monarchie und Alltag” in der Geschichte deutscher Rockmusik dem, was in der Literatur dann vielleicht Hermann Hesse oder Ingeborg Bachmann ist: Ein monolithisches Werk, an dem man nicht vorbeikommt. Wenn ich das jetzt höre, verstehe ich auch noch immer, warum. Diese Einfachheit aber auch Poesie der Texte, die Klarheit der Parolen, aber auch ihre gleichzeitige Ambivalenz. Da ist schon wahnsinnig viel los, auch soundtechnisch ein tolles Album, das wie nichts anderes klingt. Ich finde auch, dass die Fehlfarben… jetzt vielleicht nicht mit jedem neuen Stück einen Volltreffer landen, aber wenn sie gut sind, dann sind sie noch immer richtig, richtig gut! Nicht jeder Text von Peter Hein ist gut, aber wenn er einen guten Text schreibt, ist der immer noch in einer anderen Liga als alle anderen. Ähnlich wie bei Morrissey.

Das letzte, was ich dabei habe, hätte vielleicht eher reingepasst, als wir schon über den Umgang mit deutscher Sprache in der Musik geredet haben: Haftbefehls aktuelles Album „Russisch Roulette”. Jemand, der ja mittlerweile mit seiner speziellen Sprache und Musik viel mehr Leute entweder vor den Kopf stößt oder eben begeistert, als nur Hip-Hop-Hörer. Was denkst du über diese Form von deutschsprachigen Texten? Beschäftigst du dich mit sowas?
Niklas und Benny beschäftigen sich mehr damit. Ich bin da wie so ein Tourist, der Slumming geht und es ist für mich eher ein Kuriosum, wo ich mir von außen an der Scheibe die Nase plattdrücke und mir bei Youtube so Clips ansehe, aber nicht wirklich in einer Weise drin bin, dass ich dazu etwas Intelligentes sagen könnte. 6Was glaube ich von sowohl Gegnern als auch Fürsprechern von Haftbefehl in der Diskussion oft vergessen oder ausgeblendet wird, ist, dass das natürlich auch Kunst ist, was der macht. Auch diese eigene Sprache, die er sich erschaffen hat. Wenn wir den jetzt irgendwo träfen und uns mit ihm unterhielten, hätte er vermutlich einen anderen Modus der Ansprache, als er hat, wenn er in dieser Figur Haftbefehl ist. Das wird so ein bisschen übersehen. Bei Hip Hop wird oft so ein in einer negativen Weise romantischer Blick darauf geworfen, dass das vermeintlich die Sprache der Unprivilegierten sei, ,das verleiht denen eine Stimme, die sonst keine haben’. Als sei das ein authentischer Ausdruck der Gosse und sonst nichts weiter. Selbst wenn das in gewisser Weise zutreffen mag, heißt das deshalb ja nicht, es gäbe nicht die Möglichkeit, dass es auch eine Kunstfertigkeit gibt und weitere Ebenen. Und diese Vielschichtigkeit wird oft vergessen, die Musik rückt in den Hintergrund der Diskussionen, die dann das eigentliche Zentrum werden. Für die Musik von Bushido interessiert sich glaube ich niemand mehr, sondern dafür, mit wem er sich gerade anlegt oder welche Verstrickungen er in die organisierte Kriminalität hat. Selbst wenn das absolut eindeutig ein ganz boshafter, mieser Typ und größtenteils auch die Musik einfach Schrott ist, ist das ja ein Muster, das sich immer wiederholt, aktuell bei Haftbefehl: Die Musik wird nur als Vorwand genommen, um eine ganz andere Diskussion zu führen, die größtenteils entweder paternalisierend oder verachtungsvoll und herablassend ist, aber als Musik, als Kunst, wird die Musik zweckentfremdet und dadurch zu klein gemacht.