Foto: Marcel Sigmann

Letzte Woche Mittwoch spielten OK KID zusammen mit ihrem Voract L’Aupaire in den Hamburger Docks. Und das wichtigste zuerst: Es hatte wirklich jemand ein Shirt mit dem Schriftzug Abi 2018 an. Mannomann, hab ich mich alt gefühlt. Der guten Laune hat das allerdings keinen Abbruch getan und auch das Konzert sollte später zu einem meiner diesjährigen Konzert-Highlights werden.

Für die spontan erkrankte Mine sollte L’Aupaire den Abend eröffnen – ich wusste vor Beginn leider noch nichts von der Änderung und gebe zu, ich war ein wenig enttäuscht. Möglicherweise war es aber auch einfach Schicksal, da ich den Künstler tatsächlich erst am selbigen Tag auf Spotify entdeckte. Geschlagen hat sich der junge Mann mit dem etwas zu eng sitzenden Hemd aber hervorragend. Auch das Publikum sah in dem Blues- oder Pop-Musiker, der im eigenen Pressetext als Mischung aus Tom Waits und Bob Dylan beschrieben wird, einen adäquaten Ersatz und ließ sich mitreißen.

Dann kam der Mainact, OK KID, mit bedrückendem Bühnenbild, das sich aus lebensgroßen Pappmenschen zusammensetzte und die Band bei bestimmten Lichteinstellungen gar verschwinden ließ. Sowie die Show los ging gaben die Musiker Vollgas und hauten einen Publikumsliebling nach dem anderen raus. Zwischen den Songs gab es höchstens kurze Ansagen, aber keine zulangen Ansprachen. Eine Stunde Springen, Stagediving, Mitgrölen, Kopfnicken. So etwas habe ich selten erlebt und vor allem nicht auf dem Konzert einer Band, die ja doch irgendwie nur Pop macht. Diese Mischung aus Intelligenz, Power und Attitüde machen OK KID zu etwas wirklich Besonderen im deutschen Musikgeschäft.

Mit „Sensation“ haben die drei Jungs gerade ihr drittes Album veröffentlicht. Auf die Nachfrage, wer die beiden Vorgängeralben besser fand, ist es erstaunlich laut. Ein Nackenklatscher im Hallenformat. So richtig überrascht schien Sänger Jonas nicht. Vermutlich ist ihm bereits selbst bewusst geworden, dass das Album einfach zu intelligent konzipiert ist. Der Witz ist gut, aber kommt nicht an. Jeder Song funktioniert für sich genommen hervorragend, aber insgesamt betrachtet, ist „Sensation“ ein einziger großer Mittelfinger an die Musikindustrie. Nicht umsonst wird die Platte mit „Lügenhits“ eröffnet, doch anstatt diese offene Kritik auf Albumlänge auszudehnen, schreibt die Band subtile Pophits und zeigt, wie sowas eigentlich richtig geht.

Immerhin sind mit „1996“ und „Hinterher“ Stücke dabei, die wohl auch im Radio erstmal nicht weiter auffallen würden. Der Kontrast zu Songs wie „Bombay Calling“, „Kaffee Warm“ oder „Gute Mensch“, die man eigentlich als absolute Anti-Hits bezeichnen müsste, ist jedoch zu groß. Nach einer Stunde wird es etwas ruhiger und bevor die Band „Gute Menschen“ spielt, den tatsächlich meistgeklickten Song auf YouTube, gibt es eindringliche Worte, die sich gegen die AFD und den aktuell grassierenden politischen Humbug richten. Erneut denke ich: „Verdammt, sind die gut“.

Es folgt die Zugabe mit „Blüte dieser Zeit“ (ist das eigentlich ein Kifferwitz?) und „Kaffee Warm“ (Live sogar noch geiler). Wahnsinns Konzert. Und dann war es vorbei. Oder? Nicht ganz, denn als die Lichter bereits an waren, die Hälfte des Publikums gegangen und die unterbezahlten Helfer bereits angefangen hatten zu kehren, kam die Band nochmal heraus, um noch einen Track zu performen. Einen Raptrack auf dem jedes Bandmitglied einen Part übernahm und der sich ums Saubermachen drehte. Also Wortwörtlich. Da waren einige verdammt schlechte Vergleiche dabei, aber umso charmanter war die Aktion. Gar keine Frage, dass die paar Hundert Fans, die geblieben waren, mit einem noch größeren Grinsen den Heimweg antraten. Mich eingeschlossen.