Wutzrock 2016

Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Beschäftigt man sich mit der (deutschen) Festival-Landschaft, bemerkt man, dass in vielen Fällen eine mitunter starke Kommerzialisierung der Festivals stattfand. Ein kleines Hamburger Festival wehrt sich jedoch erfolgreich dagegen. Die Rede ist vom Wutzrock, dass jährlich in schönster Umgebung beim Hamburger Eichbaumsee stattfindet!

Wutzrock 2016 01

2016 liefen die Organisatoren zum 38. Anlauf an. Seit jeher ist man stolz auf seine ethischen Grundpfeiler: Solidarisch, nicht kommerziell und absolut antifaschistisch. Jedes Jahr wird das Festival komplett ehrenamtlich organisiert und umgesetzt. Damit das funktioniert, spielen die gebuchten Bands für einen Bruchteil ihrer regulären Gage. Dass sich das Wutzrock damit seit nun 38 Jahren halten kann, beeindruckt.

In diesem Jahr lockte man die rund 5.000 Gäste mit drei bärenstarken Headlinern zum Festival: Turbostaat, Herrenmagazin und die Antilopen Gang – zweitere spielten im Rahmen des Festivals ihr letztes Konzert in Hamburg, bevor es in die zeitlich unbestimmte Bandpause geht. Es gibt also mehr als genug Gründe, um das Festival dieses Jahr auf dem Plan zu haben, weswegen ich es mir auch nicht nehmen ließ, dort vorbeizuschauen und zusätzlich alle drei Tage fotografisch festzuhalten. Los gehts!

Freitag: Das kranke Hühnchen ist fit geworden!

Wutzrock 2016 03 Wutzrock 2016 clouds 01

Die musikalische Unterhaltung ging am Freitag mit der Hamburger Post-Heartcore-Band clouds. los. Ohne große Erwartungen hörte ich mir die Band an, um anschließend völlig beeindruckt zu sein. Musik, die einen mitzieht von Menschen, die auf ehrlichste Art und Weise dankbar dafür sind, beim Wutzrock spielen zu dürfen. Auch die Zuschauer, die zunächst nur sehr zaghaft den Weg vor die Bühne fanden, zeigten sich sichtlich beeindruckt.

Anschließend eine kleine Überraschung für mich: „Da steht doch Ben Galliers auf der Bühne?!“ – korrekt! Der Indie-Folk-Sänger, dessen Album „Calm Seas Don’t Make Good Sailors“ mein letztes Musikjahr so sehr bereicherte, singt auch bei der Gruppe Small Fires. Auch hier geht es musikalisch eher ruhiger zu. Eine interessante Mixtur elektronischem Indies, die sehr „anders“ daherkommt und zum Zuhören einlädt. Praktisch vorbereitend auf das große Tamtam, das in den folgenden Stunden noch kommen sollte.

Wutzrock 2016 Antilopen Gang 01

Zwischendurch ging es auf erste Erkundungstour übers Gelände. Da zeigt sich abermals der solidarische und antifaschistische Grundsatz, den die Organisatoren verfolgen. Vor Ort sind eine Vielzahl an politischen und gesellschaftlichen Initiativen zu finden, an denen man sich informieren und austauschen kann. Noch besser: Diese Angebote werden tatsächlich genutzt!

Wutzrock 2016 Cuatro Pesos de Propina 07

Zurück zum Musikprogramm: Die angesprochenen kommenden Stunden wurden von Cuatro Pesos de Propina eingeleitet. Internationaler geht es hier wohl kaum, denn die achtköpfige Band stammt aus der uruguayischen Hauptstadt Montevideo. Ihre Musik: Temporeicher Ska-Punk in spanischer Sprache! Das passte auf großartige Art und Weise. Das fast durchgehend hohe Tempo motivierte die Menge, die ihren Zugang zur Gruppe im Verlaufe des Sets immer besser fand. Bereits hier zeigt sich: Länder- und Sprachgrenzen sind völlig egal, denn Musik kann immer mitreißen! Dieser Grundsatz sollte sich so durch das gesamte Wochenende ziehen.

Wutzrock 2016 Turbostaat 01 Wutzrock 2016 Turbostaat 02

Dann, endlich! Turbostaat! Das, wie es die Band nannte, „kranke Hühnchen“ ist doch noch rechtzeitig fit geworden (sie mussten das Konzert in Duisburg am Vortag krankheitsbedingt absagen) – und wie fit es war! Der Beginn des Sets mit „Ruperts Gruen“ war energiegeladen, wie eh und je! Auch danach riss es nicht ab! Die Crowd sang mit und ging gut ab! Von „Eisenmann“ bis „Schwan“ bot die Band zudem eine bunte Mischung ihrer Diskographie, wobei der Fokus natürlich auf den neuen „Abalonia“-Songs lag. Auch der Regen, der bereits den gesamten Tag über anhielt und den Platz bereits am Freitag matschig werden lies, konnte der Stimmung keinen Abbruch tun. So und nicht anders muss das sein!

Wutzrock 2016 I-Fire 05

Danach war aber noch nicht Schluss! I-Fire standen noch auf dem Programm – inzwischen sozusagen die Haus- und Hof-Band des Wutzrock, die seit mehreren Jahren immer dabei sind, wollten die Menge auch nochmal so richtig auf Touren bringen. Mit stilvollem Reggae gelang das auch auf scheinbar leichteste Art und Weise! Da haben sich die Zuschauer nicht lange bitten lassen und auch nochmal richtig mitgemacht.

Samstag: Die erweiterung des musikalischen Horizonts

Wutzrock 2016 Raeubersfaust 13

Der Freitag war bereits anstrengend, aber egal! Zwei Tage standen noch bevor und die wollten ebenfalls erlebt werden! Zudem war die Running Order des Samstags die Vollste – bereits um 14 Uhr starteten die Breathing Punx den Tag, die ich leider Gottes verpasste. Also sah ich mir zunächst Bünse auf der See-Bühne an. Er steht alleine auf der Bühne, nur er und seine Westerngitarre. Singer-Songwriter-Musik mit dem gewissen Punk-Appeal – empfehlenswert! Darüber hinaus blieb es zunächst trocken – es keimte die Hoffnung auf einen trockenen Tag auf, zumal verschiedene Wetter-Apps einen trockenen Tag voraussagten.

Wutzrock 2016 Raeubersfaust 12

Allerdings musste ich recht schnell wieder zur Elb-Bühne wechseln, denn dort traten um 15:30 Uhr Räubersfaust auf. Astreiner Hardcore aus Hamburg, der sich sehen und hören lassen kann! Musik, die reinhaut, Texte, wie sie sich gehören und mit Ben ein Sänger, der alles gibt und extrem viel Energie ausstrahlt. Damit ist der Start in den Tag doch mal so richtig gut gelungen!

Dann wieder der Bühnenwechsel: Der Wahnsinn übernahm! Sie beschreiben sich selbst als das „kapitalisch-materialistische Punkrock-Duo“ – zwei Gegensätze, die sich gegenseitig negieren, hier aber trotzdem grandios gut funktionieren! Sie stehen im Anzug auf der Bühne und die Ansprachen zwischen den Songs passen hervorragend zum selbst auferlegten Image, sodass es durchaus etwas Kabarett-artiges hat. Dazu ist die Musik über jeden Zweifel erhaben: Eine reduzierte Mischung aus Punkrock und Garage Rock, vorgetragen nur mit Drums und Bass-Gitarre sowie der agressiven Stimme des Werthers.

Abermals der Bühnenwechsel: Die Consolers spielten auf der großen Bühne. Musikalisch eine komplette Abkehr von den zuvor genannten Bands hört man hier locker-flockigen Indie mit Surf-Appeal. Wunderbar zum lockeren Tänzeln geeignet – aufgrund dessen aber wohl sicher nichts für jeden Wutzrock-Besucher, der grundsätzlich eher Punk, Hardcore und Ska erwartet.

Wutzrock 2016 Strom und Wasser feat The Refugees 02 Wutzrock 2016 Reykjavikprojekt 04

Wer Musik dieser Art erwartet, bekam es danach noch dicker: Das Reykjavikprojekt, eine Kollaboration der Band Strom & Wasser sowie der isländischen Sängerin Ragga Gröndal, spielte mit einer experimentellen Mischung aus Rock- und Folk-Elementen auf. Musikalisch offene Zuhörer konnten so ihren Horizont erweitern, gleichzeitig zeigte das Wutzrock auch hierdurch, dass Musik über Landes- und Genre-Grenzen verbinden kann und zueinandergehört. Schade: Der erhoffte trockene Tag blieb nicht trocken; während des Sets setzte zeitweise starker Regen ein. Es wurde zusehends matschiger. Im Fotograben rutschte ich nur noch hin und her und auch die Wege glichen teilweise einer Abenteuer-Route. Schön ist anders, aber wenn es die Zuschauer nicht stört, dann lasse ich mich davon erst recht nicht beeindrucken. Die Erkältung, die ich nach dem Wochenende davon tragen sollte, rächte das zwar, war aber in dem Moment der letzte meiner Gedanken. Schließlich war Wutzrock angesagt! Da muss man durch!

Im Grunde standen weite Teile der Running Order im gerade beschriebenen internationalen Zeichen, denn anschließend blieben Strom & Wasser auf der Bühne und spielten ein eigenes Set – unterstützt von geflüchteten Musikern, die immer wieder auf die Bühne kamen und die Musik der Band mit ihren eigenen Elementen zu bereichern wussten. Da schaut man gerne dabei zu, wie sich Musikstile verschiedenster Ursprünge zu einem großen Ganzen verbinden können.

Wutzrock 2016 Khebez Dawle 05

Apropos musikalische Vielfalt: Auch danach wurde es nicht weniger vielseitig. Die Band Khebez Dawle ist im Rahmen der Flüchtlingskrise aus Syrien geflohen und bringt aktuell Zuschauern überall in Deutschland ihren atmosphärischen Indie-Rock näher. Man mag die syrischen Texte nicht verstehen, allerdings bringt die Art und Weise, wie Frontmann Anas seine Texte singt, eine ganze Menge rüber: Von Schmerz, bis hin zur Aufbruchsstimmung kommt sehr viel alleine durch die Gesangsart rüber. Auch hier wurde der musikalische Horizont erweitert, wofür ich sehr dankbar bin!

Wutzrock 2016 Herrenmagazin 08

Zum Abschluss des Tages wurde es dann schmerzlich, denn Herrenmagazin (mit denen wir im letzten Jahr übrigens eine NOISIV SESSION drehten) kamen auf die Bühne. Sie spielten ihren letzten Auftritt in Hamburg vor der angekündigten Bandpause. Dementsprechend wurde die Gruppe freudig begrüßt, nachdem sich der Soundcheck 20 Minuten länger als geplant hinzog. Umso mehr spielten Band und Crowd zusammen, die Stimmung war sehr gut und die Band offensichtlich bestens gelaunt. Leider war das Set aufgrund der Soundcheck-Probleme nach 45 Minuten auch schon wieder vorbei, denn nach dem Headliner stand noch der Auftritt von Kobito, Pyro One und Spezial-K an, den ich mir aufgrund einsetzender Knieschmerzen nicht mehr ansah. Dennoch ging ich nach diesem langen Tag, an dem ich so viele interessante Musiker kennenlernen konnte, zufrieden nach Hause.

Sonntag: Doch noch Sonne!

Wutzrock 2016 The Fakawi 03

Eine Bedingung für die Standorterlaubnis ist, dass der Platz bis 22 Uhr geräumt sein muss. Aus diesem Grunde traten am letzten Festival-Tag „nur“ noch drei Bands auf der Elb-Bühne auf: The Fakawi, Skannibal Schmitt aus dem französischen Straßburg sowie die Antilopen Gang, die damit ab 17 Uhr den Festival-Abschluss übernahm.

Nach zwei Tagen Regen und Matsch-Party begrüßte uns der Sonntag dann endlich mit sommerlichem Wetter! Regen? Fehlanzeige! Das Wetter erschien wie bestellt, denn die Musik von The Fakawi passte wie die Faust aufs Auge: Sommerliche Rock-Musik, die gute Laune bereitet und schlichtweg Spaß macht. Dazu der sympathische Sänger Mike Cains, dessen stetes Grinsen absolut ansteckend ist. Bei so einer Band kann man dann auch um 14 Uhr schon mit dem Tanzen anfangen!

Wutzrock 2016 Skannibal Schmitt 013 Wutzrock 2016 Skannibal Schmitt 014

Noch spaßiger und tanzbarer wurde es dann im Anschluss daran, als die Ska-Punker von Skannibal Schmitt übernahmen. Sänger Nicu kommt auf die Bühne, verzieht sein Gesicht, wirft seine Schuhe weg und beschmeißt seine Compagnons mit seinen Socken. Der erste Gedanke: „Okay, das wird verrückt“ – und das wurde es auch. Nicu ist eine absolute Rampensau, der gefühlt sekündlich irgendwelche Fratzen und komische Posen einnimmt, sich auch gerne mal auszieht und dann irgendwann im Radfahrer-Kostüm auf der Bühne steht. Darüber hinaus ist der Ska dieser Gruppe über alle Zweifel erhaben: Schnell, spaßig, tanzbar! Ob man die französischen Texte versteht? Völlig egal!

Wutzrock 2016 Antilopen Gang 03 Wutzrock 2016 Antilopen Gang 18

Einen 180-Grad-Dreher der musikalischen Sorte gab es dann zum Abschluss, als die Antilopen Gang unter großem Jubel auf die Bühne kam. Zeckenrap – also prinzipiell nicht unbedingt meins. Trotzdem kann ich anerkennend sagen, dass das Trio eine große Show ablieferte und zum Wutzrock passen sie ohnehin. Vom Slime-Cover „Bullenschweine“, über eine Zugabe in der Crowd bis hin zur Teilung der Menge mit anschließender Aufforderung, sich gegenseitig mit Matsch zu bewerfen, war eine Menge dabei.

Das war es dann auch, das Wutzrock war vorbei – nun gut, nicht ganz. Zum Abschluss kamen nochmal alle Organisatoren und Helfer auf die Bühne und gaben im „Highway to Hell“-Stil das abschließende Ständchen „Wir wollen Wutzrock nochmal“. Ein schöner, abschließender Moment, den sie sich nach tagelanger Arbeit schließlich auch verdient haben!

Ein Festival der besonderen Art

Wutzrock 2016 Abschied

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Wutzrock ein wundervolles Festival im Hamburger Süden ist. Die Besucher waren entspannt drauf, das Gelände vor den Bühnen auffällig frei von Müll und das Line-up ist ein toller Mix aus interessanten Überraschungen aus aller Welt sowie etablierten Gruppen.

Dazu überzeugt der politische und solidarische Grundsatz des Wutzrock. Natürlich gibt es eine Vielzahl an Festivals, die sich grundsätzlich gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus und dergleichen positionieren und dementsprechend auch passende Initiativen einladen; nirgendwo wird der Grundsatz aber so konsequent gelebt und zentral positioniert, wie beim Wutzrock.

Im Grunde beeindruckt es schlicht und einfach, dass es auch heutzutage möglich ist, ein Festival diesen Ausmaßes komplett ehrenamtlich und ohne Anspruch auf finanzielle Gewinne umzusetzen. Jeder der Helfer war freiwillig und ohne Vergütung vor Ort. Umso größer muss der Dank an diese Helfer sein, die viel zu oft vergessen werden. Es bleibt festzuhalten: Wir wollen Wutzrock nochmal!