Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Bereits im letzten Jahr fotografierte ich das Wutzrock im Hamburger Süden, direkt neben dem Eichbaumsee. Das autonom und nichtkommerziell organisierte Umsonst-und-Draußen-Festival hatte sofort einen Platz in meinem Herzen und so freute ich mich unheimlich auf die diesjährige 39. Ausgabe, die ich ebenfalls wieder als Fotograf begleitete und das sollte sich lohnen. Spoiler alert: Es war das schönste Festival-Wochenende, das ich in den letzten Jahren erlebt habe!

Freitag: Die Monsters of Wutzrock werden losgelassen

Der erste Tag begann standesgemäß mit der ersten Ansprache der Organisatoren sowie dem darauffolgenden Wutzrock-Song. Anschließend gab es mit Jennifer Gegenläufer feministischen Hip-Hop auf der großen Elb-Bühne und für die Headbanger hatte man die Hamburger Band Surface auf der kleineren See-Bühne im Programm.

Mein erstes Highlight waren dann allerdings Abramowicz. Erst im Mai sah ich das Quintett auf der Depri Disko Geburtstagsgala und während sie dort alles in Schutt und Asche legten, traten sie hier kein Stück kürzer. Da rüttelte die Bühne, Frontmann Sören zog es irgendwann in die Crowd und dazu der authentische und gleichermaßen tanzbare Punkrock – das passte!

Ein nächstes kleines Highlight folgte direkt darauf mit The Hirsch Effekt. Im Vorfeld wurde mir bereits versichert, dass das Trio mich vom Hocker hauen oder zumindest überraschen würde. Im Endeffekt war beides der Fall. Die Musik, die irgendwo zwischen Post-Punk, Metalcore und Mathcore liegt, bläst einem jeglichen Schmalz aus den Ohren, dazu noch die passende Lichtshow. Aggressive Musik, die oft allein instrumental wirkt und zunächst verdaut werden will, aber umso interessanter klingt.

Danach durfte es dann etwas blödeliger werden: Die Monsters of Liedermaching setzten sich im Halbkreis auf die Bühne, spielten charmant ihre Gassenhauer und brachten die Crowd vor der See-Bühne in große Partystimmung, während Ludger direkt im Anschluss auf der Elb-Bühne unterhaltsamen Deutschpunk brachten. Kurze und knackige Songs, dazu ein Frontmann, der gerne ein Eis schnabuliert, das er gar nicht mag und bevorzugt irgendwo sitzt oder liegt. Deutschpunk, wie er eben im Buche steht – aber irgendwie dann doch überzeugend unpeinlich.

Den Abschluss des ersten Tages gab es dann mit Fuck Art, Let’s Dance!. Nach einigen technischen Schwierigkeiten im Soundcheck legten die Hamburger etwas verspätet los und erspielten sich im Handumdrehen die Gunst der Zuschauer, die nach und nach immer stärker dabei war und am Ende pausenlos tanzte. Der erste Tag war nun vorüber und hatte bereits einige tolle Bands in Petto.

Samstag: So voll war es noch nie

Am Samstag sollte es dann nicht minder spektakulär weiter gehen. Brian Palisander & The MoFos brachten entspannten und zugleich humorvollen Jazz-Rock auf die Bühne, Strom & Wasser nutzten ihren Auftritt als Sprachrohr, um auf ihre humanistischen Hilfsprojekte hinzuweisen.

Die Eskalation begann dann aber erst so richtig! Kurzfristig haben Messer ihren Auftritt aufgrund eines Trauerfalls absagen müssen. Spontan sprangen stattdessen Egotronic in die Bresche. Zwar kann man sich sicherlich über diese Gruppe streiten und mich holen sie wirklich überhaupt nicht ab; die Crowd allerdings stand sicherlich in den wenigsten Momentchen still. Anschließend ging es dann direkt mit Adam Angst weiter und hier wurde das Durchdrehen nochmal ernster genommen. Schon bevor die Gruppe auf die Bühne kam gab es kein Halten mehr. Die Pits wurden immer größer, die Stimmung schon jetzt auf einem Höhepunkt, was Waving The Guns hiernach wunderbar ausnutzen, aufrecht erhalten und sogar weiter ausbauen konnten.

Zwischendurch ging es dann rüber zur See-Bühne, wo erst Das Flug und anschließend die Beatpoeten spielten. Bei beiden Acts drehte die Menge auch hier völlig am Rad. Heftige Beats, komplett verrückte Sänger und eine Meute, die in völliger Einigkeit alles in Grund und Boden tanzte. Praktisch überall auf dem Wutzrock-Gelände ging es richtig zur Sache.

Nun wieder zurück zur Elb-Bühne, denn der Headliner des Abends sollte noch spielen. Vor zwei Jahren konnten Feine Sahne Fischfilet ihren Wutzrock-Auftritt aufgrund der kritischen Wetterlage absagen, nun konnten sie diesen endlich nachholen. Spätestens jetzt gab es einfach kein Halten mehr. Bengalos, die ohnehin schon den halben Tag lang angezündet wurden, brannten nun im Minutentakt – sowohl auf, als auch vor der Bühne.

Darüber hinaus war es in all den Jahren wohl noch nie so voll vor der großen Wutzrock-Bühne, wie bei dieser Show. Von links nach rechts, von vorne nach hinten – weit und breit gab es keinen freien Zentimeter Erde mehr, auf dem man sich hinstellen konnte. Das beste dabei: Trotz der schieren Menge an Leuten und der feurigen Stimmung blieb es durchgehend friedlich vor dem Fotograben. Diese Atmosphäre steckte dann auch das Sextett an, die selbst immer stärker von der Euphorie gepackt wurden und zwischendurch noch solidarische Banner für die Rote Flora ausbreiten ließ.

Während die Musik von Feine Sahne Fischfilet mich inzwischen nicht mehr so recht greifen mag, hat mich dieser Auftritt wieder zur Band als solches gebracht. Das waren besondere anderthalb Stunden, die sich einbrennen und die keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird. Von euphorischen Emotionen, die ich so fix nicht recht einzuordnen vermochte, überhäuft, ging es nun wieder nach Hause. Der letzte Tag dieses besonderen Festivals stand vor der Tür.

Sonntag: Zum Schluss nochmal alles gegeben

Der Samstag galt als Haupttag des Wochenendes. Insofern waren am Sonntagvormittag bereits viele mit ihrer Abreise beschäftigt. Auch das Programm war am dritten Tag etwas sparsamer besetzt. Nach der Sackhüpf-WM, die ich leider verschlafen habe, ging es mit den Indie-Poppern von Maloun los, die ein richtig gutes Set hingelegt und die Zuschauer, die noch nicht abhauen wollten, richtig schön verzaubert haben. Mit der Zeit kamen dann mehr und mehr Leute vor die Elb-Bühne, der Rest lies sich auf der See-Bühne beim Poetry Slam von ausgeklügelten Texten berieseln.

Passend dazu, dass das Wutzrock auch immer eine familienfreundliche Veranstaltung ist und ein dementsprechend Programm abseits er Bühnen hatte, spielte Die Gäng dann als vorletzte Band des Wochenendes. Das Ohrbooten-Nebenprojekt spielt Reggae für Kinder – dementsprechend war die Sache auch nichts für mich, mit Ausnahme einiger Ohrwürmer aus der Hölle, wie „Zwei Kugeln Eis!“.

Vor der Elb-Bühne war bereits nun Feierabend und auch auf der großen Bühne sollte nun nur noch eine letzte Band spielen. Es waren die Bazzookas aus dem niederländischen Amsterdam. Das gesamte Wochenende über beobachtete ich bereits das Fehlen jeglicher Ska-Bands, wo sie im vergangenen Jahr doch so präsent waren. Die Niederländer relativierten das kurz vor Schluss noch und veranstalteten noch ein letztes Mal eine richtige Party! Frontmann Bazz Barnasconi sprang direkt zu Beginn des Sets in die Menge und hob die Tanz-Temperaturen der Leute somit sofort auf Anschlag an. Überhaupt war es ein mehr als würdiger Festival-Abschluss!

Das schönste Festival in Hamburg

Das Festival war nun vorbei, es lagen drei tolle Tage hinter uns. Bereits im letzten Jahr mauserte sich das Wutzrock zu meinem persönlichen Festival des Jahres, nun aber wurde es endgültig zu meiner Festival-Heimat.

Tolle Bands, tolle Organisatoren, großartige Mithelfer hinter den Kulissen und eine wirklich schöne sowie entspannte Stimmung auf dem gesamten Gelände; es hatte etwas sehr heimeliges an sich und gerade damit besticht das Festival so sehr: Man merkt an allen Ecken und Enden, dass hier nichts verkommerzialisiert ist. Das hat dann auch endlich mal den Wettergott besänftigt, sodass das Festival in diesem Jahr zur Abwechslung mal nicht komplett abgesoffen ist.

Im nächsten Jahr wird das Wutzrock 40 Jahre alt und sogleich fragt man sich, wie 2017 noch getoppt werden soll. Irgendwie werden sie es aber schon schaffen – es handelt sich ja nicht umsonst um das schönste Festival Hamburgs.