Foto: Arne Landwehr

Foto: Arne Landwehr

In meiner Rezension zum neuen, dritten Album „Leicht“ war es bereits zu lesen: Mikroboy lösen sich auf! Ein letztes Mal ließ sich nun also die Möglichkeit nutzen, die Indie-Band zu einem kurzen Gespräch zu treffen. Im Kleinen Donner im Hamburger Schanzenviertel unterhielt ich mich mit Gründer und Frontmann Michi Ludes sowie dem langjährigen Bandmitglied Kai-Steffen Müller über frühere Gehversuche im Mainstream, den neuen Sound auf „Leicht” und natürlich den vor Kurzem verkündeten Abgang der Gruppe.


Für die Veröffentlichung eurer neuen Platte habt ihr euch für Chateau Lala, also ein kleineres Label als zuvor Ministry of Sound, entschieden. Wie kam es dazu und welche Art von Label ist euch im Endeffekt lieber?

Kai-Steffen Müller: Also zum einen wollten wir für diese Platte mal etwas anderes – was nicht heißen soll, dass wir bei Ministry in irgendeiner Art und Weise eine schlechte Zeit gehabt hätten…
Michi Ludes: …und vor allem haben wir erst mal eine Platte gemacht – ohne ein Label zu haben. Wir wollten das fertige Produkt dann auch so rausbringen, wie es war und jetzt gar nicht erst mir A&Rs und Produktmanagern im Studio sitzen. Dass wir uns für ein Label entscheiden, dass uns nicht reinredet, war uns sehr wichtig.

Die Entscheidung ist dann also auf ein recht kleines Indie-Label gefallen – es waren aber ja durchaus immer Tendenzen da, euch auch im Mainstream wiederzufinden…

ML: Ja, wir waren immer weder Fisch noch Fleisch – zu Pop für die Indie-Nasen und zu Indie für die große Popwelt!

Habt ihr auf diese Art von Erfolg denn hingearbeitet und von euch aus Sachen wie den Bundesvision Songcontest oder das Vorprogramm für Lena Meyer-Landrut gemacht?

ML: Wir waren irgendwann in der Situation, dass Leute damit Geld verdienen wollten und auch mussten – wie das eben in solchen professionellen Strukturen ist! Dadurch ist man dann schon ein bisschen gezwungen, gewisse Sachen mitzumachen. Zudem hat die Musik so viel Zeit gefressen, dass wir gar keine andere Wahl hatten, als zu versuchen, damit auch selbst Geld zu verdienen. Das sieht jetzt ganz anders aus: Jeder von uns ist irgendwo angekommen, macht seine Scheine mit dem, was er am besten kann und die Musik können wir nebenher machen. Dadurch entsteht auch eine ganz andere künstlerische Freiheit.
KSM: Ministry ist eben ein größeres Label mit seinen Ibiza-Samplern und so weiter, das einen gewissen Marktanteil hat – und dadurch gab es dort natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, die wir aber nie hatten. Michi hat mich damals nicht angerufen, um zu sagen: Komm in die Band, wir werden jetzt total berühmt! Sondern: Hast du Bock, Musik zu machen?! Ich glaube, dass das Außenbild, das ein Label wie Ministry auf uns geworfen hat, ein ganz anderes war, als das, war wir von uns selbst hatten. Auf das Label kommt es bei unserer Musik auch gar nicht an.
ML: Wenn du heute Abend Leute, die seit zehn Jahren Mikroboy hören, fragst, auf welchem Label wir waren, kann dir das wahrscheinlich gar keiner beantworten. Interessiert ja auch kein Schwein! Es ist nur so, dass wir durch gewisse Strukturen in so Sachen reingedrückt wurden – wir waren ja auch noch kleinere Jungs und wussten nicht so viel über dieses Business! Wenn dir da einer, der seinen Job seit 15 Jahren macht, etwas erzählt, glaubt man dem dann halt. So etwas nicht mehr einfach hinzunehmen, lernt man erst mit der Zeit.
KSM: Du hast ja gerade auch die Support-Tour für Lena angesprochen: Das hatte natürlich etwas komisches, weil das so ein deutsches Casting-Ding war, aber würde uns heute jemand fragen, ob wir vor Roxette oder den Toten Hosen in 15.000er Hallen spielen wollen, würden wir auch Ja sagen – einfach, weil wir so etwas nie gemacht haben! Wir konnten das damals auch gar nicht, haben einfach unseren alten Mischer von den Clubshows mitgenommen und das hat man uns auch angehört, aber wir haben es einfach gemacht! Nicht, um zu forcieren, berühmt zu werden oder so. Einfach, weil man geile Möglichkeiten bekommt und die dann auch wahrnimmt.

Eine weitere Veränderung, die mit „Leicht“ einhergeht, ist euer Sound: Die vielen elektronischen Elemente sind fast verschwunden, die Songs klingen organischer. Habt ihr das von vornherein geplant oder entstand das im Albumprozess?

ML: Wir haben mit der Produktion des Albums angefangen, erstmal drei Songs mit einem Produzenten aufgenommen, und die klangen halt wieder so wie die alten Sachen. Das wurde uns irgendwann einfach zu beliebig, dieses einfache Aneinanderreihen von Signalketten. Darunter haben die Songs irgendwie gelitten. Die sind ja auch anders entstanden als früher: Bisher habe ich immer zu Hause Demos am Rechner aufgenommen und war dadurch beispielsweise auf elektronische Drums angewiesen, erst im Nachhinein haben wir dann Bandversionen daraus gemacht. Dieses Mal haben wir erstmal angefangen, im Proberaum die neuen Songs zu zocken und jeder konnte sich viel besser einbringen.
KSM: Nachdem das erste Album quasi durch die Sound-Library von Michis Rechner entstand, fühlte sich das auch plötzlich live nochmal besser an, nicht mehr so weich wie auf der Platte. Das zog dann schon bei der zweiten LP ein paar Veränderungen nach sich…
ML: …und mit der neuen wollten wir eben das, was wir live ohnehin schon immer machen! In der heutigen Zeit kann man dieses ganze Elektronische auch gut den ganzen 19-jährigen Macbook-Producern überlassen.

Michi, du hast Mikroboy damals als Soloprojekt gegründet. Nach der Tour werdet ihr euch als Band auflösen. Ist es für dich noch eine Option, wieder dahin zurückzukehren und als Solokünstler weiterzumachen?

ML: Auf jeden Fall! Ich werde sicherlich den Rest meines Lebens Lieder schreiben. Es wird sich zeigen, in welchem Rahmen das passiert – ob das nun ein akustisches Gitarrenalbum oder überhaupt ein Album wird oder… naja, vielleicht werd‘ ich ja auch Youtuber, keine Ahnung!

Obwohl die Band schon einige Besetzungswechsel hinter sich hat, zieht ihr nun einen kompletten Schlussstrich. Wieso diese drastische Entscheidung? Ist das Konzept Mikroboy auserzählt?

ML: Das hat ganz viele Gründe. Einerseits der Fakt, dass wir fünf Jahre für unsere Platte gebraucht haben, allein schon durch räumliche Trennung. Wir mussten so viele Termine hin- und herschieben, um überhaupt eine gemeinsame, dreiwöchige Tour machen zu können! Andererseits habe ich auch die ersten Mikroboy-Texte mit 23, 24 geschrieben. Jetzt bin ich 35. Da ändert sich thematisch einfach eine ganze Menge und man hat einfach Bock auf ’ne Veränderung. Was ich jetzt so schreiben würde, würde einfach nicht immer in diesen Rahmen reinpassen. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass diese Band am Ende ist – es fühlt sich für uns einfach geiler an, mit so einem schönen Album und einer fast ausverkauften Tour in Würde abzudanken! Das ist viel schöner, als wenn das irgendwann einfach abebbt.

Wird man dann trotzdem wehmütig, wenn man ein letztes Mal in den ausverkauften Clubs steht und die alten Stücke spielt?

ML: Natürlich ist das mega emotional! Allein schon, weil man jetzt wieder diese Energie spürt, wenn wir vier Typen auf der Bühne stehen oder auch nur im Bus sitzen. Das werden wir richtig vermissen. Wäre das nicht so, würde es ja bedeuten, dass all das nichts wert gewesen wäre, daher ist das auch ganz wichtig. Ich glaube, ich werde mir bei den letzten Shows die Tränen nicht verkneifen können.


noisiv.de bedankt sich ganz herzlich bei Mikroboy für das Interview! Wer die Jungs vor ihrer Auflösung noch live erleben möchte, hat in den kommenden Tagen noch die Möglichkeit dazu:

  • 24.05. München  —  Kranhalle
  • 25.05. Regensburg  —  Heimat
  • 26.05. Leipzig  —  Moritzbastei
  • 27.05. Stuttgart  —  Kellerklub
  • 28.05. Koblenz  —  Circus Maximus
  • 29.05. Neunkirchen  —  Stummsche Reithalle
  • 30.05. Wiesbaden  —  Schlachthof
  • 31.05. Heidelberg  —  Halle 02 (Club)

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