Foto: Bastian Bochinski

Als vor fast genau drei Jahren „Bleiben oder gehen“ das Licht der Welt erblickte, hatten Feine Sahne Fischfilet sich bereits in die Herzen deutscher Punk-Fans gespielt: Festivals und Konzerte im Wechseltakt, gelegentlicher Auftritt auf großen Schlagzeilen und der Verfassungsschutz als Dauerkontrahent. Wo auch immer die sechs Jungs aus Mecklenburg-Vorpommern auftauchten, lebt auch im Jahr 2018 noch der Rock n’ Roll und schweigt Politikverdrossenheit. Doch hat sich seit „Bleiben oder gehen“ eben auch einiges getan.

Auf dem letzten Album deutete sich eine kleine Kehrtwende in ihrem Songwriting an. Die Stücke wurden persönlicher, zwischen den Mitgröhl-Hymnen wurde nun auch über Liebeskummer gesprochen und Trauerarbeit verhandelt. Ihr Live-Set gewann weiter an Tiefe und selbst der Pfeffi schmeckte mit ein, zwei kleinen Tränen sogar noch besser. Monchi und Co. fehlt es auch auf ihrem fünften Album „Sturm & Dreck“ nicht an Mut, über schwierige und persönliche Themen zu schreiben – ohne dabei je die Hoffnung aus dem Auge zu verlieren.

Vollgetankt mit Pfeffi und Selbstvertrauen

Eine politische Veranstaltungsreihe hier („Noch nicht komplett im Arsch“), ein Festival-Open-Air dort („Wasted in Jarmen“): Ein kleiner Auszug aus dem gnadenlosen Alltag einer Band, die für ihre Fans, Freunde und Überzeugungen mehr als nur leere Worte und Parolen schwingt. Die Geschichten dieses Alltags zwischen antifaschistischer Basisarbeit und den eigenen Erwartungen an das Leben, bilden seit jeher das Fundament der Band und lieferte bereits Stoff für vier satte Platten. Auch auf „Sturm & Dreck“ wird das Leben zwischen Gitarrenriffs, Trompeten und lauten Bässen weitererzählt.

Vollgetankt mit Pfeffi und Selbstvertrauen sorgen die Jungs schon im Album-Opener („Zurück in unserer Stadt“) für den vergnügten Abriss, pfeifen auf örtliche Burschenschaften und vermeintliche Moralapostel. Schon im Anschluss wird auf „Alles auf Rausch“ der eigene Erfolg abgefeiert und aufgearbeitet. Ein Erfolg, den selbst Sänger Monchi nach elf Jahren Bandgeschichte immernoch gar nicht so wirklich fassen kann („Ich kann immernoch nicht singen / Und spiel‘ jetzt bei Rock am Ring“). Es sind diese großen Punkhymnen, die diese Band wie keine Zweite aus dem Ärmel schüttelt.

Liebe untereinander, Dialog miteinander

Wer einen Einblick in das Geheimrezept der Band haben möchte, sollte beim vierten Stück „Schlaflos in Marseille“ nochmal genauer hinhören: Ihre Fähigkeit die Gefühle roh auf Papier zu bringen und ungekünstelt ins Mikrofon zu brettern, ohne das Worte diese zu entwerten wissen, ist eines der größten Stärken von Feine Sahne Fischfilet. Doch wird nicht nur über sich gesprochen, die Band sucht auch den Dialog zum Zuhörer. Das titelgebende „Dreck der Zeit“ schallt wie eine direkte Antwort an all diejenigen, die sich vom Ausgang der letzten Bundestagswahl überrascht zeigten („Was hast du erwartet? Nichts davon ist neu. Das ist die Realität der dir in die Fresse knallt.“).

Verständlich, dass so mancher sich in diesen Zeiten nach Halt sehnt. Tipps, wie das körpereigene Gebäude trotz des akuten Idiotenmeers intakt gehalten werden kann. Kurz vor der Zielgraden hämmert „Wir haben immernoch uns“ hoffnungsvolle Durchhalteparolen durch, unterstreicht das viele der Fans nicht einfach nur „Fans“ sind. Sie sind Supporter von Projekten, Initiativen und Menschen, die auf diesem Erdball mehr wollen, als tagsüber zu arbeiten und abends den Kopf auszuschalten. Im Großen, wie im Kleinen. Wenn dann doch mal etwas nicht so hinhaut wie es sollte, hat man sich schließlich immernoch kennengelernt – und kommt gemeinsam stärker aus der Nummer wieder raus.

Zwischen Alkohol und Elternschaft

Am Stärksten wird „Sturm & Dreck“ jedoch in seinen persönlichsten Momenten. Etwa, wenn sich Monchi in „Ich mag kein Alkohol“ kritisch mit seinem Alkoholkonsum auseinandersetzt und in einem explosiven Finale gar eine Intervention in Frage stellt. Auch hört hier die Selbstreflexion noch lange nicht auf: Auf „Niemand wie ihr“ spricht der Sänger erstmals offen über seine Eltern und denkt sich in eine eigene, mögliche Vaterrolle hinein.

Wie ein Konzert auf Platte

Aus der Vergangenheit soll gelernt, die Zukunft gestaltet werden: So stellen sich FSF nicht nur die nächsten Jahre vor. Bereits der atmosphärische Bombast-Sound von Produzent Tobias Kühn (Tomte, Die Toten Hosen, Milky Chance) trägt viel dazu bei, dass sich die zwölf Stücke dieser Platte mehr denn je wie Aufnahmen ihrer Live-Konzerte anfühlen. Eine Herausforderung, an der andere Punk-Bands schon mal schnell gescheitert sind.

Man mag der Band aus dem Hause Audiolith zwar eine wachsende Bekanntheit und einen Hang zum Stadion-Rock vorwerfen, von Anpassung und Veränderung kann allerdings keine Rede sein. Und das ist auch gut so. Es gibt noch sehr viel aufzuarbeiten, nicht nur in unserem Umfeld. Feine Sahne Fischfilet wissen das und liefern erneut eine hervorragende Winter-Platte ab, die Lust auf den nächsten Sommer macht, die Realität nicht aus den Augen verliert und sich vorsichtig an die Zukunft herantastet.

„Sturm & Dreck“ ist am 12. Januar über Audiolith erschienen. Alle Infos, Konzertdaten und Tickets zur kommenden „Alles auf Rausch“-Tour, findet ihr nach diesem Klick!

Feine Sahne Fischfilet – Bleiben oder gehen (Album-Review)

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